Auf dem Weg in das Schattenzeitalter

20.03.2014
01/2014
  • Neuerscheinung

Langsam wird auch in den hintersten Ecken unseres Alltags spürbar, dass das Internet den analogen Raum mit einer zweiten Dimension überlagert. Kaum eine Situation ist nicht digital unterstützt, wobei die Brücken zwischen realem und digitalem Raum durch Smartphones, Laptops, intelligente Brillen, Armbänder und Uhren immer vielfältiger werden. Es entsteht ein neues Raum-Zeit-Gefüge, das nicht nur neue Wege bei der Informationsbeschaffung entstehen lässt, sondern auch bei der Organisation von Wirtschaft und Gesellschaft.

Täglich erlebbar ist die Verschiebung der Kommunikation in das Digitale. Statt Briefe zu schreiben, verschickt man Mails, statt zu telefonieren, chattet man per Whatsapp. Mit den neuen Kommunikationsmitteln ändert sich auch unser soziales Verhalten. Wir äussern unsere Gefühle viel schneller und plakativer als im Zeitalter des Briefes. Die neue Transparenz lässt uns Menschen mit ähnlichen Interessen, Hobbys und sexuellen Präferenzen entdecken, denen wir früher nicht begegnet wären. Wir erleben dadurch eine Intensitätssteigerung unseres Lebens, aber auch eine Relativierung der Privatsphäre.

Diese neue Transparenz unserer Präferenzen, Netzwerke, Fähigkeiten und unserer Konsumgewohnheiten schafft die Grundlage für eine datenbasierte Wirtschaft. Ökonomische Transaktionen sind immer weniger ein Produkt des Zufalls. Vielmehr basieren sie auf den Berechnungen eines zentral gesteuerten Algorithmus, der seinem Besitzer die grösstmöglichen Erträge und die tiefstmöglichen Kosten sichert. Das Auffüllen der Regale, die Beförderung der Mitarbeitenden, der Preis für unsere nächsten Ferien: Alles basiert auf unseren Daten, die wir beim Zahlen, Lesen, Googeln und Liken hinterlassen haben.

Aus der Transparenz unseres Denkens und unserer Präferenzen ergeben sich aber auch neue Ausdrucks- und Organisationsformen im Politischen. Der Platz im Internet ist unbeschränkt, und alle, die einen Internetanschluss zur Verfügung haben, können nicht nur ihre Meinung kundtun, sondern auch zu Demonstration, Petition oder Gewalt aufrufen. Das Internet stärkt die Dezentralisierung, weil Informationen und Netzwerke zentral gesammelt werden. Dadurch kann dezentral entschieden werden.

Die Ambivalenz der Digitalisierung

Im Spannungsfeld zwischen Überwachung und Selbstorganisation, zwischen Fremdbestimmung und Freiheit und letztlich zwischen Mensch und Maschine findet sich die zentrale Ambivalenz der Digitalisierung. Wir stehen am Anfang eines Schattenzeitalters, in dem sich die wirklich relevanten Entwicklungen erst als Schatten der offensichtlichen Veränderungen zeigen. Hinter den neuen Angeboten der Unterhaltung, des Konsums und der Vernetzung sind Überwachung, Desinformation, kritikeindämmende Zerstreuung und die Festigung von sozialen Schichten gut versteckt.

In welche Zukunft unser Weg führen soll, wird bisher kaum diskutiert. Die öffentliche Diskussion verharrt bei überholten Lösungswegen wie der Vollbeschäftigung, dem Staat, der Hierarchie oder dem Wachstumsparadigma und vermag nicht an die täglich sicht- und spürbaren Veränderungen anzuschliessen. Dass unklar ist, ob die Orientierungslosigkeit Folge einer bewussten Desorientierung durch die Schattenmächte des Schattenzeitalters oder einer unbewussten Überforderung in der digitalen Raum-Zeit  ist, gehört zu den typischen Symptomen des Schattenzeitalters, in dem das Sichtbare und das Unsichtbare in unüberschaubare Wechselwirkungen getreten sind. 


Zum Autor

Der Berner Joël Luc Cachelin (*1981) hat an der Universität St. Gallen Betriebswirtschaftslehre studiert, zur Zukunft des Managements doktoriert und an zwei Instituten gearbeitet (I.VW und IWP). 2009 hat er die Wissensfabrik gegründet, ein Thinktank für Wissens-, Personal-, Daten- und Bildungsmanagement.