Albert Anker – schöne Welt

20.09.2010
03/2010
  • Neuerscheinung

Die Ausstellung zum 100. Todestag des Inser Künstlers Albert Anker basiert auf der Tournee, die 2007/08 für vier japanische Museen veranstaltet wurde. In Tokyo, Matsumoto, Koriyama und Kyoto erhielt sie jeweils grosse Aufmerksamkeit. Im Kunstmuseum Bern wurde sie nun in leicht modifizierter und ergänzter Form nochmals gezeigt. Zur Ausstellung erschien ein Katalog in Zusammenarbeit mit Stämpfli. In der Werkauswahl wurden mehrheitlich Gemälde vereinigt, die Ankers Verwurzelung in Ins deutlich machen – das Grossstädtische seiner Pariser Jahre, das er als so erstrebenswert und durchaus inspirierend empfand, hinterliess bei ihm im Motivischen kaum Spuren.

Albert Anker und Paris

Dem Pariser Aspekt widmete sich das Kunstmuseum Bern im Jahr 2003 mit einer Ausstellung und einem ebenfalls bei Stämpfli erschienenen Katalog umfassend. Damals wurde versucht, das stagnierende Anker-Bild zu revidieren. Der Künstler wurde in den Kontext seiner Pariser Zeitgenossen gestellt – u.a. von Charles Gleyre, Alexandre Cabanel, Au­guste Toulmouche, François Bonvin, Jules Breton – und bei dem Vergleich kam der Schweizer keineswegs schlecht weg. Sein Erfolg an den Pariser Salon-Ausstellungen macht deutlich, dass der «Bauernrealismus» in der Malerei des 19. Jahrhunderts weitverbreitet war und dass auch andere Zeitgenossen sich damit beschäftigten.

Schöne Welt

Nunmehr sind die beliebten, bei Anker omnipräsenten Themen vereinigt: das Landleben, lesende, schreibende und spielende Kinder, Kinder auf dem Schulweg und bei den Hausaufgaben, Kinder von Alten betreut – im Grunde Themen aus dem Alltag, der weder beschönigt noch beklagt wird. Es ist der «typische» Anker also, der mit psychologischer Schärfe das Charakteristische des Dorflebens festgehalten hat. Wenn Anker doch zuweilen auch negativ konnotierte Momente thematisierte, so sind es insbesondere Personen, welche soziale Ungerechtigkeiten verursachen, die ihn beschäftigten, sei dies nun der Wucherer, der Zwangsversteigerer oder der Beamte, der die Zinsen einholt.

Publikumsmagnet

Der grosse Besucherstrom zeigte, dass die Ausstellung einem allgemeinen Bedürfnis der Öffentlichkeit entsprach, die bis anhin gewohnt war, alle paar Jahre nach Ins zu pilgern, um «ihrem Anker» zu begegnen. Zum Jubiläum des 100. Todestages fanden zahlreiche Festveranstaltungen statt.

Der Künstler Anker selber aber hätte sich vermutlich derartigen Anlässen entzogen. Denn zu seinem 70. Geburtstag am 1. April 1901 hat er sich aus dem Staub gemacht und sich versteckt, niemand sollte wissen wo. Er kaufte ein Generalabonnement für zwei Wochen, das keine Zieldestination angab. Wie er später berichtete, machte er sich zunächst auf nach Langenthal, dann besuchte er seinen ersten Biografen Albert Rytz in Madiswil. Letztes Ziel seiner Inkognitoreise war sodann das Museum Vela in Ligornetto im Tessin.

Am 6. April schrieb er an Edouard Davinet, den damaligen Leiter des Kunstmuseums Bern: «Vielen Dank für das Telegramm zum 70. Geburtstag. Es wäre an mir, mich bei den Bernern dafür zu entschuldigen, dass ich nicht bei ihnen erschienen bin. Aber die Einsicht war stärker als ich: es beelendet mich, dass Leute mehr aus mir machen, als ich bin. Ich bin doch nicht so viel wert. Nur noch arbeiten möchte ich, das bleibt meine grösste Freude …»

Nur noch mit Malen wollte er seine Zeit nutzen – als ob er eine Vorahnung gehabt hätte, dass er im September desselben Jahres davon abgehalten werden würde: Er erlitt einen Schlaganfall, von dem er sich zwar wieder mehr oder weniger erholte, doch fand er nie wieder zu den alten Kräften zurück. Seine Bescheidenheit war beispielhaft, wollte er doch zeitlebens, wie er selbst sagte, «eher ein rechtschaffener Mensch als ein berühmter Maler» sein.