• Editorial

Der Lauf der Dinge

Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.*

Hinter uns liegen mehr als zwei Jahre Pandemie. Die Schweiz hat ein ausgezeichnetes Gesundheitswesen, einen sehr hohen Standard in der medizinischen Versorgung. Wir sind dennoch ungenügend vorbereitet gewesen. Die letzte Pandemie war nach dem Ersten Weltkrieg, das ist rund hundert Jahre her. Wer hätte die Entwicklungen der letzten zwei Jahre vorausgesagt?

Seit Ende Februar ist in Europa wieder ein offener Krieg ausgebrochen. Beängstigende Erinnerungen an die Konflikte im auseinanderbrechenden Jugoslawien werden wach, dreissig Jahre sind seither vergangen. Ist unser Land bedroht? Wie gut sind wir vorbereitet? Wer sagt uns, wie sich die Sicherheitslage entwickeln wird?

Gute Unternehmensführung verlangt eine sorgfältige Planung. Das Einrichten verlässlicher Prozesse ist wichtig. Sie helfen, die Qualität der Leistungen zu sichern, sie erlauben effizientes Arbeiten, sie schaffen Transparenz. Wir budgetieren das Jahr, wir offerieren unsere Leistungen und stützen uns ab auf bekannte Prozesse. Gleichzeitig versuchen wir, die Erwartungen an die kommende Zeit zu bestimmen und sie in die Planungen einzubeziehen. Es ist eine Gratwanderung zwischen Wissen und Vermuten, zwischen Rechnen und Schätzen. Wir sind uns bewusst, dass uns das Unerwartete treffen kann. Für einige solcher Ereignisse haben wir die dann umzusetzenden Dinge organisiert. Etwa der völlige und gleichzeitige Ausfall meines Bruders und von mir ist gut und stets aktuell vorbereitet.

Unerwartete Ereignisse können uns alle jederzeit treffen. Die positiven Dinge mögen uns Flügel verleihen, die widrigen uns an den Boden drücken, uns jede Freude am Kommenden nehmen. Ich finde in meinem Leben etwas, was ich hier als Urvertrauen benennen will. Darauf gründet sich meine Zuversicht, auch schwierige, persönlich herausfordernde Situationen meistern zu können. Würde ich mein Leben auf die ständige Angst ausrichten, dass mich das Unerwartete aus der Bahn werfen könnte, verlöre ich viel von dem, was ich im Alltag brauche. Meine Ehe und die Familie, unser Unternehmen und nicht zuletzt meine eigenen, persönlichen Anliegen will ich mitgestalten, will ich mit meinen Ideen und Werten prägen. Ich will mich nicht treiben lassen, sondern in jeder Situation fragen: Was kann ich jetzt tun, um in den neuen Umständen bestehen zu können?

Wir können planen, wünschen, hoffen und unser Leben auf unsere Ziele ausrichten. Mit dem Unerwarteten müssen wir rechnen, es kann unsere Ziele unerreichbar machen. Wir dürfen deshalb nicht im Sumpf der Verunsicherung versinken. Ebenso wenig wollen wir ein fatalistisches «Es wird schon gut gehen» verfolgen, sondern ganz bewusst mit diesen Unwägbarkeiten umgehen. Was immer das Leben an uns heranträgt, es ist eine Aufgabe, die wir zu lösen haben: Ich will und ich kann. Oder, um es im Stämpfli-Jargon zu sagen: Alles beginnt bei mir.

* Friedrich Dürrenmatt: 21 Punkte zu den «Physikern», Nr. 8

Rudolf Stämpfli
Verwaltungsratspräsident
Stämpfli Verlag
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