Das Kursbuchjahrhundert

20.03.2017
01/2017
  • Unternehmen

Ende 2016 teilte die SBB mit, dass sie künftig auf die Herausgabe des Offiziellen Kursbuches in Papierform verzichte. Das umfangreiche Werk fand immer weniger Absatz. Für Stämpfli ein Grund, auf das «Kursbuchjahrhundert» der Firma zurückzublicken.

Die Geschichte begann 1892, als die Stämpfli & Cie im Auftrag der Oberpostdirektion erstmals den Schweizer «Conducteur» herausgab. Im Archiv der Firma befindet sich noch ein handgeschriebener Vertrag zwischen der Post und Stämpfli, der diese Zusammenarbeit regelte.

1905 übernahm die neu gegründete SBB die Redaktion, und das Produkt hiess nun Offizielles (später Amtliches) Kursbuch. 1934 wechselte der Verlag zu den SBB. Zum selben Zeitpunkt wurde dem Kursbuch ein neues Konzept verpasst. Spezielle Ziffern machten es besser lesbar, die verschiedenen Transportarten erhielten eigene Papierfarben: Bahn weiss, Post gelb, Schiffe blau, Ausland rot und Erläuterungsseiten grün.

Auflagen und Umfang

Aufzeichnungen eines ehemaligen Mitarbeiters für das Jahr 1927 sprechen von einer Auflage von 28000. 1950 war sie auf 160000 Exemplare angestiegen. Am Ende der Bleisatzzeit, 1982, erreichte sie fast 400000, ab 1987 begann die Nachfrage zurückzugehen. Bereits 1960 zählte ein Kursbuch etwa 788 Seiten, 1980 waren es 1000, und später entwickelte sich diese Zahl in derart astronomische Höhen, dass man es in drei Teilen binden musste.Grosse Teile des Betriebes waren fast das ganze Jahr hindurch mit diesem Auftrag beschäftigt. Im Mai erschien die Sommer- und im Dezember die Winterausgabe. Davor gab es Entwürfe und Vorentwürfe, die einer breiten Vernehmlassung dienten.

Der Arbeitsablauf

Die Redaktion der SBB vergrösserte die gedruckten Seiten der letzten Ausgabe, schnitt die Ziffernspalten voneinander, klebte sie auf linierte grossformatige Blätter und trug die Änderungen von Hand ein. Anhand dieser Manuskripte wechselten die Setzer mithilfe von Ahlen und Pinzetten an speziell eingerichteten Arbeitsplätzen in den vorhandenen Sätzen, die pro Seite aus nicht weniger als etwa 9000 Einzelteilen bestanden, alles aus, was geändert werden musste. Nach mehrmaligem Hin und Her der Korrekturabzüge zwischen Redaktion und Stämpfli stellte man galvanoplastisch, später mit Kunststoff erzeugte Druckplatten her, denn ein Druck ab Satz wäre der hohen Auflage wegen unmöglich gewesen. Auf zwölf Maschinen wurde im Zwei- und Dreischichtbetrieb gedruckt, davon arbeiteten ab den Fünfzigerjahren zwei nach dem Rotationsprinzip. Allerdings muss man sich vergegenwärtigen, dass die Stundenleistungen bescheiden waren. Noch 1964 stiessen zwei Neuanschaffungen nicht mehr als 4000 einseitig bedruckte Bogen aus. Erst 1970 kam eine erste Offset-Rotationsmaschine mit einer Stundenleistung von 7000 beidseitig bedruckten Bogen zum Einsatz. 

Bis in die Sechzigerjahre hinein arbeitete die Buchbinderei unter ungünstigen räumlichen Bedingungen auf mehreren Stockwerken. Erst Ende der Sechzigerjahre sorgte eine moderne Bindestrasse in einem Erweiterungsbau für zeitgemässe Verhältnisse.

Abschied vom Blei

Mit Ausnahme des Kursbuches hatte bei Stämpfli der Bleisatz im Laufe der Siebzigerjahre ausgedient. Zwar gab es schon 1970 erste Versuche, die Kursbuchseiten mithilfe von Lochkarten manuskriptlos herzustellen. Jedoch dauerte es zehn weitere Jahre, bis sich ein gangbarer Weg abzeichnete, auf dem schliesslich 1982 das Ziel, die Ganzseitenausgabe im Lichtsatz, erreicht wurde. 1982 war auch die Geburtsstunde des Taktfahrplans der öffentlichen Verkehrsmittel, den sich heute kaum jemand mehr wegdenken könnte. Kursbuch-Arbeitsplatz zu Bleizeiten. Anhand des Manuskriptes der SBB-Redaktion wechselt die Setzerin mithilfe von Ahle und Pinzette aus, was geändert werden muss.