Zivilcourage trotz Hemmungen?

20. März 2020
01/2020

Hemmungen sind uns lästig und unangenehm. Sie hindern uns aber auch daran, öffentlich für Werte wie Respekt, Fairness oder Solidarität einzustehen. Couragiertes Handeln kann gelernt werden! Meist geht es um kleine Schritte, nicht um Heldentaten.

Hemmungen – als Bernerin fällt mir dazu sofort das wunderbare Chanson von Mani Matter ein. «S git Lüt, die würden alletwäge nie es Lied vorsinge ... wil si Hemmige hei.»
Hemmungen hindern uns daran, gewisse Dinge zu tun, die wir vielleicht gerne tun möchten. Es fehlt das Selbstvertrauen, man hat Angst, sich zu blamieren oder ausgelacht zu werden. Hemmungen können die eigenen Entfaltungsmöglichkeiten einschränken. Heute wird bereits in der Schule freies Reden geübt, um Kinder zu befähigen, mit Selbstbewusstsein eine eigene Meinung zu vertreten und für ihre Bedürfnisse einzustehen.
Mani Matter stimmt aber nicht einfach ein in den Reigen der von Hemmungen Geplagten – die zweite Strophe lautet: «s isch glych es Glück, o we mirs gar nid wei, dass mir Hemmige hei.»
Ein Glück? Ja, Hemmungen «hemmen» uns, hindern uns daran, Dinge zu sagen oder zu tun, die wir aus Rücksicht gegenüber anderen besser unterlassen. Wir erleben heute, wie die sozialen Medien durch den möglichen Grad an Anonymität die Hemmschwelle für Negativbotschaften bis hin zu Hasstiraden und Verunglimpfungen senken. Die wenigsten würden sich trauen, die zum Teil Grenzen des Anstands überschreitenden Botschaften einer verhassten Person direkt ins Gesicht zu schleudern.
Wo Hemmschwellen abgebaut werden, lauern Gefahren. Wohl weniger an diese als an die atomare Bedrohung dachte Mani Matter damals beim Schlussreim: «und we me gseht, was hütt dr Mönschheit droht … und was me no cha hoffen isch alei, dass si Hemmige hei.»
Hemmungen haben also sowohl positive wie auch negative Aspekte: Sie hindern uns, unbedacht zu handeln und Grenzen des Anstands zu überschreiten. Sie hindern uns aber auch, Bedürfnisse und Wünsche auszudrücken, weil wir Angst haben vor Gesichtsverlust oder davor, nicht mehr in eine Gruppe zu passen.
Hemmungen können uns aber auch daran hindern, anständig zu handeln.
Besonders in Gruppen machen wir alle immer wieder die Erfahrung, dass es Situationen gibt, die unser beherztes Eingreifen erfordern würden. Stattdessen sind wir gehemmt, blockiert, unfähig, unserer inneren Stimme zu folgen oder unserem moralischen Empfinden entsprechend zu reagieren. Hemmungen, Unsicherheit, Angst vor Versagen machen uns stumm.
Warum habe ich die Kollegin, die damals ausgelacht wurde, nicht in Schutz genommen? Warum habe ich, haben wir einfach geschwiegen und den Dingen ihren Lauf gelassen? Warum habe ich nicht Nein gesagt?
Die Forschung umschreibt dieses Phänomen mit dem Begriff des «Zuschauereffekts». Jemand wird belästigt, gar körperlich angegriffen – und die herumstehenden Personen schauen untätig zu. Je mehr Menschen anwesend sind, umso weniger wird geholfen und eingegriffen. Warum? Sind wir so abgebrüht, lässt uns Unrecht einfach kalt? Nein!
Eine Rolle spielen Mechanismen, die in direktem Zusammenhang mit Hemmungen stehen. Die Unsicherheit, wie man sich in Notsituationen verhalten sollte, oder die Angst, es falsch zu machen und sich zu blamieren, hindert den Einzelnen am Eingreifen. Dazu kommt: Weil die andern nicht eingreifen, ist es ja wohl nicht so schlimm … alle sind doch irgendwie verantwortlich, also muss ich nicht allein eingreifen.
Niemand ist immun gegen Gruppendruck. Ebenso ist der Einfluss einer Autorität, aber auch von Zeitnot und Stress auf das eigene Verhalten nicht zu unterschätzen, wenn es um anständiges Verhalten geht.
Was können wir tun, um in kritischen Situationen selbstbewusster, unabhängiger und souveräner handeln zu können und für Anstand, Fairness und Respekt einzustehen, auch wenn wir uns dabei exponieren?
Wir müssen Fähigkeiten und Verhaltensweisen lernen, die unsere moralischen Werte zum Ausdruck bringen. Bildlich gesprochen: Wir müssen unsere «moralischen Muskeln» trainieren.
Im beruflichen Alltag wird heute oft von einer sogenannten «Speak-up Culture» gesprochen. Damit ist nicht gemeint, dass man an die Öffentlichkeit gehen und andere an den Pranger stellen soll. Es geht darum, dass in der täglichen Arbeit über Ungereimtheiten oder Unregelmässigkeiten, über das Überschreiten roter Linien gesprochen werden soll.
Oft fehlt uns die Fähigkeit, uns spontan zu äussern. Wir könnten z.B. um mehr Zeit bitten – direkt, oder indirekt, indem wir darauf hinweisen, dass zusätzliche Informationen nötig sind o.Ä.
Nach einer verpassten Gelegenheit kann man auch nochmals auf die Angelegenheit zurückkommen. Dazu muss man seinen Stolz etwas überwinden. Statt jemandem schlechte Absichten oder Taktlosigkeit vorzuwerfen, kann ein anderes, zielführenderes Vorgehen vorgeschlagen werden.
Hemmungen haben bedeutet sehr oft: nicht die Fähigkeit haben, richtig zu reagieren. Fehlende Zivilcourage, wie dies oft genannt wird, hat viel mit Handlungskompetenzen zu tun.
Es gilt, Fähigkeiten zu erwerben und zu trainieren, um
a) Handlungsmöglichkeiten zu kennen, die zum Ziel führen könnten, und
b) diese mit Worten und Taten mutig und weitsichtig in die Praxis umzusetzen.
Damit, um mit Mani Matters Worten zu sprechen, es nicht weiter «laschtet uf ne win e schwäre Stei, dass si Hemmige hei».
«Je mehr Menschen anwesend sind, umso weniger wird geholfen und eingegriffen.»
«Wir müssen unsere ‹moralischen Muskeln› trainieren.»

Zur Person

Eva Häuselmann ist Expertin für Organisationsentwicklung. Mit ihrer Firma despite gmbh, einer Unternehmensberatung im Bereich Auswahl und Entwicklung von Führungskräften, rückt sie moralische Aspekte der Führung und das Verantwortungsbewusstsein der Leader in den Vordergrund. Mit innovativen Methoden bringt sie Themen wie Anstand und Integrität ins Spiel. Sie hat ursprünglich Theologie studiert, bildete sich interdisziplinär weiter und arbeitete vor der Firmengründung in den Bereichen Assessment, Coaching und Training. despite gmbh