- Editorial
Wurzeln
«Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg, genau wie jeder Baum seine Eigenart hat. Hast du jemals den Feigenbaum ausgescholten, weil er keine Kirschen trägt?»1
02.06.2026
Meine Wurzeln sind zunächst in der Familie, in der ich aufgewachsen bin: begründet in zwei Familien mit Wurzeln je an unterschiedlichen geographischen Orten, in unterschiedlichen Lebensweisen. Gehe ich zurück ins 13. Jahrhundert, finde ich Wurzeln im alten Byzanz ebenso wie im Seeland. Sind aber nicht die Wurzeln im aufgeklärten christlichen Abendland des 17. und 18. Jahrhunderts prägender?
«Viererlei Wurzeln von allem zuerst vernimm: Der leuchtende Zeus [Feuer] und die lebenspendende Hera [Luft], dazu Aidoneus [Erde] und Nestis [Wasser], die mit ihren Tränen die sterblichen Quellen benetzt.»2
So gesehen hat der Mensch als Teil der Natur vier Wurzeln. Diese Wurzeln verbindet die Liebe zur Einheit, und durch den Streit werden sie wieder getrennt zur Vielheit. Wo finde ich mich da wieder? Bin ich nicht ein Ganzes mit Verstand, Seele und Körper? Ich will es so ausdrücken: Ich bin geworden. Ich will werden, wer ich bin. Das ist unabdingbar mit der Vergangenheit verknüpft, ist geprägt durch die selbst erlebten vergangenen Jahre. Das Heute ist der Moment meines Lebens, es prägt das Morgen.
Die Wurzel der Kindheit in der Familie spielt eine wichtige Rolle. Das Aufwachsen mit der Firma meines Vaters und meines Onkels und dem starken Bezug zu Buchhandel und Verlag von Mutters Seite her hat für mich eine beeinflussende Rolle gespielt, ohne dass es so sein musste. Wie aus derselben Wurzel das Leben anders gestaltet werden kann, zeigt ein Blick auf die Geschwister und die weitere Familie. Wachsen also doch am selben Baum Feige und Kirsche?
Nein! Die Berufswahl ist bedeutend, aber eine Äusserlichkeit. Ich vergleiche sie mit der Rinde, die den Baum kleidet: hier dem Wetter ausgesetzt und aufgeraut, dort noch jung und intakt. Die Frucht ist das schliessliche Erkennen und damit eigentlich die Heimkehr des Menschen zu sich selbst. Aus dem Samen der Bäume kann ein neuer Baum entstehen, aber auch dabei wird aus der Feige kein Kirschbaum: «Werde, der Du bist!»3
