Was ist daran eigentlich lustig

20. November 2018
04/2018
  • Fokus

Warum und wie Humor eigenständiges Denken fördert.

Ich habe mir nie vorgenommen, lustig zu sein. Meine ersten Slam-Texte waren schwülstige Gebilde eines Teenagers, die nichts mit Humor zu tun hatten, dafür viel mit Herz- und Weltschmerz. Doch auch die Stücke, die ich heute schreibe und vortrage und die oft für eine gewisse Erheiterung im Publikum sorgen, sind nicht unter der Prämisse «witziger Text» entstanden.
Die Weltsicht, die ich auf der Bühne zeige und mit den Leuten teile, überschneidet sich zu einem gewissen Teil mit dem Wahrheitsbegriff der Menschen, die zuhören. Eine Situation, die alle kennen und in der sich alle wiedererkennen, schafft Vertrauen: Die Zuhörenden verstehen meine Sicht, teilen meinen Blickwinkel und können (für sich) bezeugen, dass das, was ich erzähle, zutrifft. Ab einem gewissen Punkt jedoch weicht meine Erzählung von der allgemein bekannten Sichtweise ab – der Blickwinkel verschiebt sich. Das sorgt für Erheiterung, denn oha, die da oben erzählt ja jetzt plötzlich was anderes, als man gewohnt ist oder erwartet hätte. Dadurch entstehen neben dem bereits bekannten Ausgang der Situation parallel existierende Möglichkeiten, die ein «Es-könnte-auch-anders-Sein» ins Feld führen. Diese Pluralität führt zu Erheiterung.
Sich der vielfältigen Möglichkeiten eines anderen Verlaufes bewusst zu sein, bewahrt zudem bei den Zuhörenden geistige Agilität. Werden in einer Erzählung oder einem Vortrag diverse mögliche Zugänge eröffnet, liegt es nämlich am Publikum selbst, zu entscheiden, welchen sie Glauben schenken möchten. Auf diese Weise kann aktives Zuhören leicht gemacht werden.
Ich habe es in meinem Studium oft erlebt: Bei reiner Wissensvermittlung neigte ich eher dazu, mich geistig abzukoppeln. In einer Vorlesung, in der mir nur Fakten vorgetragen wurden, die weder in einer Geschichte mit Identifikationsmöglichkeit eingebettet noch mit Witz gespickt waren, war das Zuhören mit einem enormen Konzentrationsaufwand verbunden. Man musste sich richtiggehend zwingen mitzudenken.
Wenn mir jedoch jemand eine Geschichte erzählt, zu der ich einen persönlichen Bezug herstellen kann, über bekannte Situationen oder emotionale Similarität, fällt mir das Zuhören leichter, es bereitet mir keine Mühe. Noch besser verhält es sich, wenn ich ab und zu zum Lachen gebracht werde, und das nicht nur, weil ich Lachen als etwas sehr Angenehmes empfinde, sondern auch, weil es ein Zugehörigkeitsgefühl auslöst. Die Erleichterung, die man dabei fühlt, löst spannungsvolle Momente lustvoll auf und sorgt für eine Lockerung, die es einem ermöglicht, sich danach wieder zu konzentrieren. Ausserdem wird durch das Bewusstsein darüber, dass es auch ganz anders sein könnte, das eigene Denken angeregt – und zwar nicht nur im Sinne eines Nachvollziehens bereits getätigter Gedankengänge, sondern auch eines eigenständigen Weiterentwickelns und aktiven Hinterfragens des Bekannten.
Nicht zuletzt deswegen ist Humor in totalitären Regimen ein so wichtiges Mittel des Widerstands: Er fördert eine eigenständige und kritische Haltung. Was für ein regressives politisches System hinderlich ist, kann für eine innovative und progressive Gesellschaft nur von Vorteil sein. Wenn Sie also etwas erzählen möchten, das die Leute behalten und weiterdenken, dann erzählen sie es mit Witz und Emotion.

Zur Person

Lisa Christ, 27, ist Slam-Poetin und Kabarettistin. Ihre Masterarbeit hat sie über Humor in musealer Kunstvermittlung verfasst. Ihre Textsammlung «Im wilden Fruchtfleisch der Orange» erschien im April dieses Jahres beim Knapp Verlag. Man findet sie gleichnamig auf Facebook, auf instagram oder unter www.lisachrist.ch. Mit Stämpfli verbindet Lisa Christ ihr Auftritt an der diesjährigen Stämpfli Konferenz im Juni 2018, bei dem sie das Publikum mit ihrer beeindruckenden Wortgewandtheit begeisterte.
  • Lisa Christ

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