Vorwort

20. March 2019
01/2019
  • Vorwort

Die heutige politische Entwicklung darf uns nicht gleichgültig sein. Wenige ­Menschen aus Politik und Wirtschaft setzen ihre Macht egozentrisch und autokratisch ein und zielen direkt auf die Freiheit und den Wohlstand der ­Bevölkerung. Unsere Demokratie, die durch ihren starken Einbezug der Bürgerinnen und Bürger einzigartig ist, ist gefährdet, wenn wir uns nicht ­weiterentwickeln und die innere Freiheit verteidigen, ohne uns abzuschotten.

Die Frage eines Bekannten kam überraschend: «Was beschäftigt dich?» Ich war spontan überfordert, zu vieles vermischte sich, doch die Frage liess mich nicht los. Was beschäftigt mich wirklich?
Zuallererst die Hoffnungen für unsere erwachsenen Kinder, für deren Ausbildungswege und für ein Umfeld, in dem sie zufrieden sind und das sie weiterbringt. Dieser Gedanke ist immer da, nicht belastend, aber umso wichtiger. Dann die glückliche Beziehung mit meiner Frau. Aber auch die Sorge um die Gesundheit der Grossmütter der Familie. Überhaupt: Die ganze weite Familie ist nahe und lässt mich nie los. Auch das eigene Unternehmen ist immer präsent. in jedem Moment hat es Bedeutung, manchmal voller Freude, bisweilen sorgenvoll, meist kreativ vorwärtsschauend. Das alles ist gut so.
Doch ich gestehe, anderes überlagert diese Gedanken stärker, als mir lieb ist. Es beschäftigt mich, wenn ich von den 26 reichsten Menschen lese, die gleich viel besitzen wie die 50 Prozent ärmsten. Die Zahlen mögen Unschärfen haben, doch das Missverhältnis bleibt drückend. Es zeigt plakativ, wie schief unsere Welt ist, auch wenn der Kampf gegen den Hunger und den Analphabetismus Fortschritte macht. Die krassen Vermögensunterschiede sind oft mit anderen Missständen gekoppelt, etwa mit der Korruption. An den Kriegen bereichern sich einige schamlos und grenzenlos. Der Machthunger treibt Egomanen wie Erdogan, Orban, Xi Jinping, Trump, Le Pen, Macron, Putin und Salman ibn Abd al-Aziz zu Entscheidungen, die wenigen dienen und Millionen schaden. Es erstaunt nicht, wenn sich Menschen nicht ernst genommen fühlen und auf die Strasse gehen wie in Deutschland oder Frankreich. Sie schauen in ihrer Wut oder Verletztheit zu einem Nazi wie Höcke hinauf oder wählen Scharlatane wie Salvini, Kaczyński und den Rechtsextremen Bolsonaro. Man hört ihnen trotzdem nicht richtig zu, um zu erfahren, was sie wirklich beschäftigt.
«Wir wissen, dass niemand die Macht je in der Absicht ergreift, sie wieder ­abzugeben. Macht ist kein Mittel, sondern ein Endzweck.»
— George Orwell, 1984
In Grossbritannien ringen sie fassungslos um ihre Zukunft. Grossmäuler haben die Bevölkerung in die Brexit-Falle manipuliert und dann rückgratlos die Verantwortung abgegeben, um nun May zu beschimpfen. Nicht wenige Grosskonzerne nutzen alle staatlichen Vorteile, bezahlen aber nirgendwo Steuern, und einige sind völlig gleichgültig gegenüber Menschenleben und Umwelt. Es kann nicht erstaunen, wenn aus Ländern ohne Zukunftsperspektive die Menschen wegwollen. Unsere Vorfahren haben es nicht anders gemacht; wir würden es heute wieder tun. Die Mitschuldigen der grössten Finanzkrise aller Zeiten sind wieder in lukrativen Positionen und machen weiter wie vorher. Die Zeche werden die Steuerzahler nicht mehr wie 2008 stemmen können, die Staaten sind klamm, und die Zinsen liegen unter null. Dass Folter, Unterdrückung und Staatsmorde zum Alltag dieser Welt gehören, treibt mich um. Das alles und mehr beschäftigt mich. Macht, Geld und Gleichgültigkeit führen die Welt in eine Richtung, die uns hellwach halten muss.
Es beschäftigt mich, aber es bremst mich nicht. Die Gedanken stärken meine Überzeugung und die Kraft für mein gesellschaftliches Engagement. Wir leben in einem Land mit ausserordentlichen Freiheiten, Rechten und Sicherheiten. Wir haben Einzigartiges erreicht, auf das wir stolz sein, aber das wir nicht einfach weiterschreiben können. Wir müssen die Demokratie weiterentwickeln. Wir benötigen mehr Einbezug der Bürgerinnen und Bürger und mehr Engagement. Wir sind frei und abhängig zugleich, diese Balance gilt es stets von Neuem mit selbstbewusster Offenheit zu suchen. Dabei fehlen mir Politikerinnen und Politiker, die mit festem Rückgrat der Bevölkerung die unangenehmen, aber notwendigen Lösungen erläutern, statt sich mit nervösem Blick auf die nächsten Wahlen wegzuducken. Wir brauchen Unternehmer und Politiker, die die Werte und die Menschenrechte, die die Schweiz stark gemacht haben, auch im Ausland vertreten und nicht des Geldes wegen einknicken.
Das Politische macht mich hellhörig. Hellhörig gegenüber eigennützigen Parolen, die das Wohl aller halluzinieren oder die die Mächtigen schützen, aber alle in die Verantwortung nehmen. Es lohnt sich, hinter das einzelne Wort zu schauen.
«Ich bin nicht versöhnt mit einer Welt, in der eine Handbewegung und ein missverstandenes Wort das Leben koste.»
— Heinrich Böll, «Billard um halb zehn»
Ich bin misstrauisch geworden. Misstrauisch gegenüber Menschen, die behaupten, unersetzlich zu sein, und deshalb Millionenboni erhalten, gegenüber Heilsverkündern, selbsternannten Patrioten, Nationalisten, Machthungrigen und Gleichgültigen, gegenüber Extremen und solchen, die Soziales fordern, um ihre eigene Komfortzone zu schützen. Sie alle verhindern eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung. Wir brauchen sie nicht, wir können es alleine besser, wenn wir uns für mehr als uns selber engagieren.
  • Peter Stämpfli

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