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Von der Hand zur Maus

Die Arbeit am Computer ist heute gang und gäbe. Doch es ist noch gar nicht so lange her, da arbeiteten Schriftsetzende mit Bleilettern, Lithografinnen und Lithografen mit Filmen, Licht und Chemie. Erst mit der Digitalisierung verbanden sie sich im Beruf der Polygrafinnen und Polygrafen. Was ist von diesen Wurzeln geblieben? Drei Mitarbeitende von Stämpfli geben Einblick in ihre Ausbildung und erzählen, was sich verändert hat und was bis heute weiterwirkt.

Die Wurzeln des Polygrafenberufs

Buchstabe für Buchstabe

Bevor er ein Layout mit einem Klick anpassen konnte, nahm Daniel Frauchiger jeden Buchstaben einzeln in die Hand. 1980 begann er seine Lehre als Schriftsetzer bei Benteli in Bümpliz. Seine erste Aufgabe: eine Visitenkarte im Bleisatz. Bis eine solche druckbereit war, dauerte es damals gut 30 Minuten. Vor ihm stand der Setzkasten mit Hunderten von kleinen Fächern, in denen die Bleilettern lagen. Daniel musste sie einzeln aus dem Setzkasten nehmen und in einen Winkelhaken setzen – eine Art Metallschiene, in der der Text Zeile für Zeile zusammengesetzt wurde. War eine Zeile fertig, wurde sie eingespannt. Das Satzbild glich er mit dünnen Bleiblättchen oder Papierchen aus, sodass der Text ansprechend und gut lesbar wurde. War eine Zeile zu eng, musste er sie neu setzen. Einen Zurück-Button gab es nicht. Daniel erinnert sich: «Wenn die Maschine lief, konntest du nichts mehr korrigieren.»

Millimeterarbeit

Etwa ein Jahrzehnt später, 1992, sass Beat Remund am Leuchtpult der Hallwag AG. Während Daniel mit Blei arbeitete, stand bei Beat das Licht im Fokus. Vor ihm lagen mehrere transparente Filme. Wenn er das Licht einschaltete, erschienen unter dem Fadenzähler winzige Rasterpunkte, die exakt übereinanderliegen mussten und so ein Bild ergaben. Seine Aufgabe war es nun, Fehler in der Aufnahme zu retuschieren, um diese an das Original anzugleichen. Ein einzelnes Staubkorn zu entfernen, konnte fünf bis zehn Minuten dauern. Beat musste es mit der Retuschiernadel vorsichtig herausarbeiten. Traf er dabei einen Rasterpunkt, musste er diesen mit dem Rapidografen neu setzen. Geduld war hier kein Extra, sondern schlicht Teil des Arbeitsalltags. Doch schon während seiner Ausbildung erlebte Beat den Übergang zum Computer. Was früher Minuten gedauert hatte, ging plötzlich mit wenigen Klicks. Trotzdem blieben die Grundlagen gleich: Rasterprozent und Farbaufbau funktionieren bis heute nach denselben Prinzipien.

Obwohl alles digitalisiert ist, geht es nicht von selbst.

Mehr als ein Klick

Heute kommt das Licht nicht mehr vom Leuchtpult, sondern vom Bildschirm. Siyar Bilgic ist im vierten Lehrjahr als Polygraf in der nextgen by Stämpfli und sitzt am Computer. Vor ihm leuchtet ein grosser Monitor, auf dem ein Layout geöffnet ist. Mit der Maus zoomt er tief in den Text hinein, bis einzelne Buchstaben gross zu sehen sind. Er korrigiert Abstände, prüft Worttrennungen und optimiert Bilder für den Druck. Seine Werkzeuge heissen InDesign, Photoshop, Illustrator und Adobe Acrobat. Eine einfache Visitenkarte ist in wenigen Minuten druckbereit. Varianten entstehen schnell, und Fehler lassen sich problemlos rückgängig machen. Trotzdem sieht Siyar eine Verbindung zu seinen Vorgängerberufen: Auch er kontrolliert Details, druckt Layouts aus und schaut sie noch einmal auf Papier an. Gerade Mikrotypografie braucht Konzentration – damals wie heute. Siyar spricht vom «Auge für Qualität». Ein Layout ist für ihn gelungen, wenn es harmonisch wirkt und beim Lesen nicht irritiert. «Obwohl alles digitalisiert ist, geht es nicht von selbst», sagt er.

Detailtreue, die bleibt

Lange waren Schrift und Bild getrennte Bereiche. Siyar vereint diese beiden Ursprünge in seinem Beruf. Er kontrolliert heute Laufweiten und Zeilen so lange, bis ein Text die richtige Wirkung hat, und bearbeitet Bilder, bis sie im Druck gut aussehen. Dabei haben sich die Werkzeuge verändert, der gemeinsame Kern ist aber geblieben: Die Arbeit fordert Konzentration und Geduld; immer braucht es ein Auge fürs Detail und für Qualität. Der Aufwand, der nötig ist, um diese Genauigkeit zu erreichen, mag für Aussenstehende auf den ersten Blick nicht sofort erkennbar sein, zeigt sich aber in jedem Abstand, in jedem Farbpunkt und auf jeder Seite, die am Ende stimmig wirkt. Dabei wünscht sich Siyar auch im Zeitalter von KI, dass Menschen Gestaltung bewusst wahrnehmen und beurteilen können. Sie sollen erkennen, dass dahinter mehr steckt als ein Klick. Print soll greifbar bleiben. «Etwas Gedrucktes bleibt stärker in Erinnerung als Inhalte auf dem Bildschirm», sagt er.

Noemi Linder
Text
Stämpfli Kommunikation