Vom Schriftträger zum Massenprodukt

19. Juni 2019
02/2019

Jeder kennt es und hatte es schon 1000-mal in den Händen. Aus dem heutigen Alltag ist es nicht mehr wegzudenken. Sein Aufkommen im Mittelalter bedeutete eine Revolution, und es füllt seither unsere Archive. Die Rede ist vom Papier – eine kleine Kulturgeschichte.

Kennengelernt haben unsere Vorfahren das Papier auf ihren Streifzügen durch das Heilige Land. Auf den ersten Kreuzzügen und bei ihren Auseinandersetzungen mit dem maurischen Spanien im 12./13. Jahrhundert kamen die Europäer in Berührung mit der blühenden arabischen Kultur. Voller Bewunderung übernahm man das medizinische Wissen und imitierte die maurischen Spitzbogen in der gotischen Architektur. In der Literatur entstand mit dem Minnesang ein neues Frauenbild, die Musik übernahm die Lautenklänge (Laute, von arabisch al Oud ). Und natürlich übernahm man auch das neuartige, bis anhin unbekannte Schreibmaterial, das Papier.
Nachdem die Europäer Papier als Schreibmaterial kennen und schätzen gelernt hatten, begannen sie, es selbst herzustellen. Doch das Klima in Europa war zu feucht. Wesentliche Veränderungen im Produktionsverfahren waren nötig. Die ersten Papiermühlennach europäischer Technik entstanden in Italien, wohl in den 1270er-Jahren, in Fabriano, später auch in Amalfi und in Genua. Rasch breitete sich das neue Handwerk aus, zuerst in Italien und ab 1348 in Frankreich. Nördlich der Alpen folgten Nürnberg (1390), Chemnitz (1398), Ravensburg (1402), Strassburg (1408) und schliesslich Belfaux bei Fribourg (1432) und Basel (1433).
Der neue Beschreibstoff Papier bestand aus alten Lumpen, die gesammelt und zu einem Brei zerstampft wurden. Mit viel Wasser versetzt, ergab diese Fasersuspension die Papiermasse. Sie wurde nun Bogen für Bogen geschöpft, ausgepresst und getrocknet. Über 3000 Blatt Papier pro Tag konnte eine einzelne Papiermühle so herstellen.
Die Beschaffung der Lumpen in ausreichender Menge stellte für die Papiermühlen eine enorme Herausforderung dar. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde alles Papier aus Lumpen hergestellt, also aus alten, nicht mehr gebrauchten Kleidern und Tüchern, aber auch aus Seilen, Stricken und Tauen.
Man kann sich leicht vorstellen, dass die Nachfrage nach getragener Kleidung im Laufe der Zeit immer mehr anstieg – mit zunehmendem Ausstoss der Druckereien, wachsender Verwaltung und flächendeckender Schulbildung. Auf der Suche nach Material durchkämmten Lumpensammler das Land und gingen dabei jedem Fetzen nach, selbst wenn sie ihn aus Kothaufen herausziehen mussten.
Dass mit dem Einsammeln dieser alten, schmutzigen Lumpen Krankheitserreger in die Papiermühlen wanderten und dort die mit Sortieren und Schneiden der Lumpen beschäftigten Frauen und Kinder befielen, blieb auch den Zeitzeugen nicht verborgen. Nicht von ungefähr lautet das französische Wort für Milzbrand (Anthrax) maladie de chiffonnière , also «Krankheit der Lumpensammlerin».
Waren die Lumpen sortiert, geschnitten und im Stampfwerk zu einem dicken Brei zerfasert, konnten sie an der Bütte zu Papier geschöpft werden. Für eine bessere Beschreibbarkeit konnte das Papier zudem durch Gelatinewasser aus ausgekochten Knorpeln, Sehnen und Knochen gezogen werden. An der Bütte betrug die tägliche Arbeitszeit rund 12 bis 14 Stunden.
Die permanente Arbeit im Wasser hinterliess an den Händen der Papiermacher ihre Spuren. Die Haut trocknete oft dermassen aus, dass sie rissig wurde und Hautpartien abgingen. Zuweilen fielen sogar die Fingernägel aus. «Das ist dem Papier nicht abträglich», lautet der empathielose Kommentar im Handbuch von Johann Beckmann um 1780. «Und», so ergänzt er noch, seien die Fingernägel erst einmal abgefallen, werde «sich dieser Unfall zuweilen in einigen Jahren nicht wieder ereignen». Andere Zeiten, andere Sitten!
Papier eroberte in Windeseile Schreibstuben und Druckereien und wurde ein unverzichtbarer Werkstoff, der nicht nur in Bibliotheken und Kanzleien anzutreffen war, sondern auch als Verpackungsmaterial und, in Form von Papiermaché, als Füll- und Spachtelmasse.
Öl- bzw. fettgetränkte Papiere fanden Verwendung als günstiger Glasersatz für Fensterscheiben. So verzeichnete das Basler Rechnungsbuch 1412 Ausgaben für «Schrenzpapir zer ratsstuben venstern», und die Zürcher Stadtkasse zahlte 1697 «papyr zu den fensteren auf dem rathaus».
Bedruckt diente Papier bereits im 16. Jahrhundert auch als Tapete. Und ab 1597 erschien monatlich unter dem Titel «Historische erzöhlung» die älteste Zeitung der Schweiz.
Ein neues Kapitel begann im Zeitalter der Industrialisierung mit dem Bau der ersten Papiermaschinen und der Verwendung von Holz als Rohstoff. Im Jahr 1830 ging die erste Papiermaschine in Deutschland in Betrieb, sechs Jahre später, in der Zürcher Papierfabrik an der Sihl, die erste in der Schweiz. Um 1853 liefen in der Schweiz bereits 13 Papiermaschinen.
Heute ist Papier allgegenwärtig, sei es als Zeitung oder Buch, Staubsaugerbeutel oder Kaffeefilter, versteckt in Laminat, als Isolationsmaterial in Trafos und Hochspannungsleitungen oder auf der Toilette.
Heute werden in der Schweiz jährlich rund 1,2 Millionen Tonnen Papier an zehn Standorten produziert.
Es entstehen vorwiegend Papiere für technische Spezialanwendungen und mit hohen Qualitätsanforderungen sowie Hygienepapiere.
Zeitungspapiere werden heute noch im luzernischen Perlen auf modernsten Maschinen produziert.

Martin Kluge

Martin Kluge (Jg. 1968) lebt in Liestal und ist Historiker und Museologe, vor allem aber leidenschaftlicher Papierhistoriker. Er sieht im Papier primär die sinnliche Komponente und möchte zur Geschichte einen experimentellen Zugang finden und vermitteln. Diese Leidenschaft im Museum weiterzugeben, sieht er als seine Hauptaufgabe und Herausforderung. Er leitet die Abteilung Wissenschaft und Vermittlung und ist Teil der erweiterten Geschäftsleitung.

Basler Papiermühle

Auf lebendige Weise treffen hier funktionierende Werkstätten und technikgeschichtliche Ausstellungen zu Papier, Schrift und Druck aufeinander. Auf vier Etagen bietet das Museum ein Erlebnis für alle Sinne: Ein Blatt Papier schöpfen, mit Gänsekiel oder Schreibmaschine schreiben, einen Text in Bleilettern setzen und drucken sowie in der Marmorierwerkstatt experimentieren gehört dazu. In der Manufaktur werden auf alten Maschinen vor den Besuchenden Kundenaufträge und Produkte für den Verkauf im Museumsshop produziert.  Basler Papiermühle Schweizerisches Museum für Papier, Schrift und Druck St. Alban-Tal 37 4052 Basel  www.papiermuseum.ch Geöffnet Di–Fr/So 11–17 Uhr, Sa 13–17 Uhr