- Unsere Sicht
Verpflichtet Tradition?
Das Familienunternehmen war schon immer eng mit unserem Alltag verwoben. Am Esstisch, am Wochenende oder in den Ferien war die Firma ein ständiger Begleiter, und wir wuchsen mit Gesprächen über Entscheidungen, Herausforderungen und Entwicklungen auf. So haben wir früh nicht nur Einblicke in wirtschaftliche Themen erhalten, sondern uns wurden auch die Werte und Haltungen vermittelt, die das unternehmerische Handeln der Familie prägen. Diese Werte nun selbst mittragen zu können, ist ein Privileg. Gleichzeitig stehen wir vor der Herausforderung, über das, was frühere Generationen geschaffen haben, hinauszudenken und eigene, zukunftsweisende Wege zu gehen.
02.06.2026
Was es bedeutet, in einer Unternehmerfamilie gross zu werden
Wurzeln
Die Generationen vor uns waren in unserer Kindheit nicht dauerpräsent. Dennoch hat uns das offen zugängliche Wissen über die Familiengeschichte fast unweigerlich dazu geführt, uns intensiver damit auseinanderzusetzen. Wir wurden nicht nur in eine Familie hineingeboren, die über die Zeit von verschiedenen Unternehmerinnen und Unternehmern geprägt wurde, sondern die in all dieser Zeit aussergewöhnlich fortschrittlich gehandelt hat: Unsere Ururgrossmutter stiftete die erste schweizerische Kinderkrippe, in unserem ehemaligen Bürogebäude an der Hallerstrasse im Länggassquartier wurde die Gewerkschaft Typographia gegründet, und 1894 trug bereits zum dritten Mal eine Frau die Verantwortung für den Betrieb – in einer Zeit, in der dies noch alles andere als üblich war.
Dass wir das Glück hatten, in Familien aufzuwachsen, in denen aktive Gleichberechtigung, Rücksicht, Bescheidenheit und Grosszügigkeit vorgelebt wurden, mag damit zu tun haben. Denn die verschiedenen Generationen teilten sich einen grundlegenden Wertekompass, der nicht nur weitergegeben, sondern eingefordert wurde. So ging auch bei uns kaum ein Abendessen zu Hause ohne Gespräche über den Betrieb, die Wirtschaft und die Gesellschaft über die Bühne. Die Stämpfli Gruppe wurde so unweigerlich zu einem Teil der Familienidentität; sowohl Arbeits- und Privatleben als auch die in der Firma und zu Hause gelebten Werte gehen ineinander über. Der frühe Kontakt mit dem Unternehmen und den Werten, die unsere Väter vorleben, im geschäftlichen Alltag vertreten und zusammen mit unseren Müttern auch privat an uns weitergegeben und eingefordert haben, haben unsere Persönlichkeiten entsprechend stark geprägt.
Die Entscheidung
Dass wir drei uns dafür entschieden haben, als nächste Generation Verantwortung zu übernehmen, ist eine Konsequenz des Aufwachsens in einer Familie, in der das Unternehmertum eine zentrale Rolle spielte und zugleich immer positiv konnotiert war. Der Blick auf die lange Geschichte der Stämpfli Gruppe und deren starke Präsenz in unserem Alltag hat bei uns und unseren Geschwistern eine langfristige Perspektive geschärft. Auch wir wollen nach getaner Arbeit die Verantwortung in die nächsten Hände legen können. Dabei steht für uns das Fortbestehen der Firma vor unseren individuellen Ansprüchen an erster Stelle.
Das Bewusstsein für Beständigkeit und Vergangenheit wirft Fragen nach der Zukunft auf. Diese entsteht nie im luftleeren Raum, sondern wächst aus dem, was bereits da ist: aus Erfahrungen, aus Geschichten, aus unseren Wurzeln. Ist diese Herkunft ein Privileg des Dürfens oder der Druck des Müssens? Anders gesagt: Verpflichtet Tradition? Wir drei mussten diese Frage, im Gegensatz zu früheren Generationen, glücklicherweise nicht unter äusserem Druck beantworten. Die engste Familie hatte nie die Erwartung, dass jemand von uns die Firma übernehmen muss. Dass unsere Geschwister ganz andere Wege eingeschlagen haben, zeigt: Die Freiheit, den eigenen Weg zu wählen, war immer gegeben.
Die Entscheidung, in die Stämpfli Gruppe einzusteigen, geschah nicht in einem einzelnen Moment, sondern war das Ergebnis eines längeren inneren Prozesses. Die Überlegungen begleiteten uns fortwährend, manchmal leise, manchmal sehr präsent. In jungen Jahren blieb das Thema oft abstrakt; man ringt damit, sich selbst einzuordnen und seine Zukunft zu entwerfen, während man noch dabei ist, sich selbst zu verstehen. Obwohl sich die Fortführung der generationenlangen Tradition für uns nie wie eine Verpflichtung angefühlt hat, wurde uns im Laufe der Zeit immer bewusster, welch grosse Verantwortung mit einem solchen Privileg verbunden ist. Diese gilt nicht nur der Firma, sondern vorrangig den Mitarbeitenden, den Kunden, der Gesellschaft und unserer eigenen Familie. Wer bereit ist, diese Verantwortung zu übernehmen, denkt unweigerlich darüber nach, welche Rolle man einnehmen möchte sowie welchen Beitrag man gestalten und welchen man tragen kann. Zugleich beschäftigte uns die Frage, wie wir dem entgegengebrachten Vertrauen mit Integrität und Sorgfalt gerecht werden können. Erst mit der Zeit – durch Ausbildungen, Erfahrungen und Begegnungen – begann sich ein klares Bild zu formen von den eigenen Fähigkeiten, vom Mehrwert, den wir hoffen, in das Unternehmen einzubringen, sowie von unseren Interessen und unserer Motivation, die uns die Energie geben, uns der immer wiederkehrenden Frage zu stellen: Wie können wir gemeinsam mit den Mitarbeitenden ein Unternehmen gestalten, das handlungs- und zukunftsfähig bleibt?
Dass wir Vertrauen und Offenheit erfahren durften, war für uns ein grosses Glück.
Unterstützung
Letztlich war auch die Unterstützung innerhalb der Familie und der Firma entscheidend. Dass wir diesen Rückhalt erhalten haben, ist keineswegs selbstverständlich. In Gesprächen mit anderen Nachfolgerinnen und Nachfolgern wurde uns immer wieder vor Augen geführt, wie herausfordernd eine solche Situation sein kann. Dass wir hier Vertrauen und Offenheit erfahren durften, war für uns ein grosses Glück. Hinzu kommt die Zusammenarbeit zwischen uns dreien. Wir bringen unterschiedliche Persönlichkeiten, Erfahrungen und Denkweisen mit. Entsprechend haben wir nicht immer sofort dieselbe Sicht auf eine Frage. Oft gibt es drei Interpretationen oder drei unterschiedliche Einschätzungen. Gerade in dieser Diversität liegt jedoch eine Stärke. Unsere Diskussionen zwingen uns, genauer hinzusehen, Argumente zu prüfen und gemeinsam zu einem tragfähigen Verständnis und zu einer Einigkeit zu gelangen, insbesondere dort, wo uns die Erfahrung noch fehlt. Die Grundlage dafür bilden unsere gemeinsamen Wurzeln. Wir teilen Prägungen unserer Kindheit, die uns schon jetzt zu einem eingespielten Team verbinden. Die zentralen Werte, die über Generationen weitergegeben wurden, tragen wir in uns, ebenso wie die gemeinsame Vision für die Stämpfli Gruppe und unser unternehmerisches Handeln. Auf dieser Basis wissen wir jederzeit, dass wir auf den Rückhalt der jeweils anderen zählen können.
Blick in die Zukunft
Die lange Tradition bedeutete nie, Vergangenes unverändert zu bewahren. Sie ist vielmehr ein Orientierungspunkt, der Halt bietet, ohne die Zukunft vorzugeben. Unsere Aufgabe als siebte Generation sehen wir darin, dieses Privileg verantwortungsvoll weiterzutragen und zugleich weiterzuentwickeln. Unser Anspruch ist es, Balance zu schaffen. Nachhaltiger wirtschaftlicher Erfolg verlangt Agilität, Disziplin und den Mut, sich den Herausforderungen der Zukunft zu stellen – immer mit Blick auf unsere Kunden und die Gesellschaft, in der wir wirken. Zugleich möchten wir Arbeitsplätze ermöglichen, an die unsere Mitarbeitenden gerne regelmässig zurückkehren. Und wir wollen einen Ort schaffen, an dem sie Wirkung entfalten, Verantwortung übernehmen und Anerkennung erfahren. Rund 300 Mitarbeitende verbringen heute einen grossen Teil ihrer Lebenszeit bei uns. Wir setzen alles daran, dass sie diese Zeit motiviert und erfüllt verbringen. Das Engagement unserer Mitarbeitenden bildet das Fundament unseres Unternehmens.
Gestern. Heute, morgen
Das Motto zum 200-Jahr-Jubiläum unseres Familienunternehmens von 1999 ist immer noch treffend. Wir alle haben unsere Wurzeln. Unsere darauf fussende Tradition lädt zu einem wertschätzenden Blick auf das Gestern ein, das Orientierung für unser heutiges Handeln bieten kann. Für uns drei ist jedoch vor allem entscheidend, im Heute zu leben, die aktuellen Herausforderungen zu meistern und damit die Grundlage für ein selbst gestaltetes Morgen zu schaffen.
Aufwachsen mit der Wölflistrasse
Schon beim Spatenstich an der Wölflistrasse waren wir dabei und besuchten danach regelmässig die Baustelle. So wuchsen wir gewissermassen gemeinsam mit dem Gebäude auf. Höhepunkt war für uns der 30. Juni 2002. Die Produktionshalle befand sich noch im Rohbau, als um 13 Uhr das Finale der Fussball-WM zwischen Deutschland und Brasilien angepfiffen wurde. Mit einem Beamer schauten alle zusammen das Spiel auf der Trennwand zwischen Produktionshalle und Hochregallager. Auch nach dem Bau blieben wir mit dem Gebäude verbunden. Während der Ferien verbrachten wir ganze Nachmittage damit, den Maschinen zuzuschauen oder die Dokumente unserer Väter durch den Schredder zu lassen. Besonders angetan waren wir von der Bodenputzmaschine, mit der wir auch mal ein Wettrennen durch das Archiv veranstalteten. Wer die Maschine am schnellsten um die beiden Treppenkerne fahren konnte, hatte gewonnen.

