Sprache im Fluss

20. Juni 2017
02/2017
Ist die deutsche Sprache auf dem besten Wege, unterzugehen und im englischen Kauderwelsch zu ertrinken? Diesen Eindruck haben wohl viele, und bestimmt ist der Einfluss des Englischen oft zu viel des Guten. Und trotzdem darf man eines nicht vergessen: Keine Sprache ist zu irgendeinem Zeitpunkt fertig und genau so richtig und perfekt, wie sie gerade in diesem Moment gebraucht wird. Jede Sprache, die gesprochen und geschrieben wird, verändert sich – zusammen mit ihren Sprechern und Schreibern – beständig. Das liegt im Wesen der Sprache und war schon immer so. Wie sonst wären etwa aus dem Latein der Römer die vielen verschiedenen romanischen Sprachen Spanisch, Portugiesisch, Katalanisch, Okzitanisch, Französisch, Italienisch, Rätoromanisch, Rumänisch – die Aufzählung ist nicht abschliessend – entstanden? Und auch die Tatsache, dass die Sprachen der Isländer, der Engländer, der Niederländer, der Deutschschweizer und der Siebenbürger letztlich auf eine gemeinsame Urform zurückzuführen sind, lässt sich nur durch den stetigen Wandel und die unterschiedlichen Einflüsse, die auf die Sprachen einwirkten, erklären. Man mag die aktuelle Entwicklung unserer Gesellschaft und unserer Sprache mit einer gewissen Skepsis beobachten. Zumindest dem Sprachwandel sind wir aber keinesfalls völlig ausgeliefert. Wir können den Wandel zwar nicht aufhalten,  das allein könnte auch nicht das Ziel sein; wir haben es aber durchaus in der Hand, ihn mitzubestimmen und vor allem der Verluderung der Sprache unsere Sorgfalt entgegenzusetzen. Wenn wir im täglichen Gebrauch mit Bedacht sprechen und schreiben, uns um eine präzise und korrekte Ausdrucksweise bemühen und uns an die bewährten grammatikalischen und orthografischen Gepflogenheiten unserer Sprache halten, dann setzen wir Zeichen und geben die Richtung vor. Denn jeder Einzelne ist Teil des Sprachwandels, die Entwicklung wird nicht «von aussen» gesteuert, sondern von uns allen, die wir die Sprache verwenden.