«Schweinehunde und Spielverderber»

20. März 2020
01/2020

Wir haben uns mit Ulrich Schenk, dem Projektverantwortlichen für die Ausstellung zum Thema Hemmungen im Museum für Kommunikation, unterhalten dürfen.

Ulrich Schenk, Sie sind der Projektleiter der Ausstellung « Schweinehunde und Spielverderber » im Museum für Kommunikation hier in Bern. Wie sind Sie auf dieses Thema gekommen?

Aus einem früheren Kreativprozess steht uns ein Pool von rund zehn gut evaluierten Themen zur Verfügung. Bei der Suche nach einem Thema für die Ausstellung 2019/20 fragten wir im Museumsteam zusätzlich nach neuen Ideen. Da brachten unsere Kommunikatorinnen die Hemmungen ein, denen sie bei ihrer Arbeit oft begegnen würden. Dieses Thema wurde aufgenommen und gründlich auf seine Tauglichkeit geprüft und schwang bei der Auswahl letztlich obenaus.
Hemmungen sind zutiefst menschlich und alltäglich, haben immer mit Kommunikation zwischen Individuen zu tun. Und auch der tagesaktuelle Bezug ist nicht von der Hand zu weisen. Man denke nur an gewisse politische Herrscher und an den zuweilen hemmungslosen Umgangston in den sozialen Medien.

Wie wird eine solche Ausstellung organisiert?

Die Vorlaufzeit beträgt rund eineinhalb Jahre. Im ersten halben Jahr arbeitet man sich ein ins Thema, macht Recherchen, sammelt Literatur, nimmt Kontakt auf mit Fachleuten, bringt sich auf den aktuellen Wissensstand. Für die aktuelle Ausstellung haben wir schon früh die Szenografen mit eingebunden. Wir arbeiteten mit Rob&Rose aus Zürich zusammen, einem jungen, innovativen Team.
Zusammen haben wir in einem zweiten Schritt das spezielle Potenzial des Themas erarbeitet, Brennpunkte, Vermittlungsziele festgelegt und uns so allmählich einem Detailkonzept genähert.
Dann müssen die Inhalte konzipiert und produziert werden: Videos, Interviews, Spiele, Texte, Bauten, die Szenerie usw.
Im letzten Quartal wird dann schliesslich die Ausstellung aufgebaut.

Was ist bei dieser Ausstellung denn speziell für das Publikum?

Schon früh wurde klar, dass wir die Besucherinnen und Besucher aktiv mit ihren Hemmungen konfrontieren wollten. Eine Ausstellung über Hemmungen kann man nicht einfach mittels Schaukasten präsentieren. Sie lebt von der Interaktion der Besuchenden. Sie sollen dafür aus ihrer Komfortzone geholt und in ungewohnte, vielleicht etwas unbequeme Situationen gebracht und dadurch zum Nachdenken angeregt werden.
Dabei haben wir aber nicht die drastischsten Themen in den Vordergrund gerückt, sondern eher die alltäglichen, subtileren.
Es bleibt letztlich den Besucherinnen und Besuchern weitgehend selbst überlassen, wie weit sie sich darauf einlassen, wie viele der gebotenen Möglichkeiten sie nutzen wollen.

Was erhoffen Sie sich für das Publikum?

Wir möchten aufzeigen, dass Hemmungen für alle von uns zum Alltag gehören. Hemmungen sind zum einen anerzogen, durch Konventionen vermittelt, zum anderen aber auch eine Frage der persönlichen Veranlagung. Es ist völlig normal und okay, Hemmungen zu haben. Ein gewisses Mass an Hemmungen ist absolut notwendig für den Umgang miteinander.
Es kann aber durchaus positiv sein, eigene Hemmungen auch mal zu überwinden, über seinen Schatten zu springen und zum Beispiel etwas Negatives anzusprechen, auf andere zuzugehen.
Unsere Besucherinnen und Besucher sind alle Alltagsexperten mit ihren eigenen Erfahrungen, die sie bei uns mithilfe der Ausstellung hoffentlich einordnen und reflektieren können. Dank unseren Kommunikatorinnen spiegeln sie das auch an uns zurück.
Es wäre schön, wenn die Besuchenden für das Thema sensibilisiert würden und etwas von ihren Erfahrungen und Gefühlen aus der Ausstellung zurück in den Alltag mitnehmen könnten.

Der Ausstellungsmacher

Ulrich Schenks Weg führte ihn zunächst ins Lehrerseminar. Nach ein paar Jahren Berufserfahrung sah er ein, dass der Schulbetrieb nicht ganz das Richtige war, und so entschied er sich für ein weiteres Studium: Kunstgeschichte und Soziologie. Mit diesem Rucksack war er im Museum für Kommunikation willkommen als Kurator der Schweizer Sammlung von Philatelie als Kulturgut.
Zu dieser Zeit organisierten die Museumsmitarbeitenden jeweils im Turnus die Wechselausstellungen, und so machte auch er erste Erfahrungen in der Projektleitung. Nach einer internen Umstrukturierung wechselte er in den neu geschaffenen Bereich Ausstellungen und war fortan mit der Realisierung von Ausstellungsprojekten betraut.
Zuerst vermisste er die Arbeit in der Museumssammlung. Inzwischen ist das Projektmanagement sozusagen zu seinem Heimatspielfeld geworden. Zusammen mit dem Museum und den diversen Ausstellungen hat er einen spannenden Weg gehen können. Die Projektleitung für Museumsausstellungen ist jedes Mal etwas völlig Neues, und dennoch profitiert man immer von früheren Erfahrungen. Auch die Mitwirkenden sind für jede Ausstellung andere, so kann sich auch die Teamdynamik immer neu entwickeln.
Heute sagt Ulrich Schenk von sich, er sei eigentlich wie ursprünglich beabsichtigt Vermittler geworden: nicht von Lehrplanwissen im eigentlichen Schulumfeld, sondern von kulturellen und gesellschaftlichen Themen im Museum, und die Besucherinnen und Besucher würden freiwillig kommen, um sich über neue Erfahrungen und Erkenntnisse auszutauschen. Eine Win-win-Situation.