Sans-Papiers. Ohne Papiere.

19. Juni 2019
02/2019

Sans-Papiers wohnen und arbeiten hier, sie verlieben sich, sie bringen Kinder zur Welt, trennen sich, werden krank und hoffentlich wieder gesund. Sans-Papiers befinden sich aber
in einer besonderen Lebenslage. Ihnen fehlt ein sehr wirksames Papier: ­die Aufenthaltsbewilligung.

Der Begriff «Sans-Papiers» wurde in Frankreich geprägt. Bereits in den 1970er-Jahren bezeichneten sich dort Personen ohne Aufenthaltsbewilligung als Sans-Papiers. Sie ersetzten damit stigmatisierende Begriffe wie «Illegale» oder «Clandestins».

Der Begriff wird heute oft missverstanden und mit dem Fehlen von Identitätspapieren in Verbindung gebracht. Meist sind allerdings Identitätspapiere vorhanden. Was fehlt, ist der geregelte Aufenthalt. Wie kommt es so weit?
Frau M. reiste vor acht Jahren mit einem Dreimonatsvisum aus Kolumbien in die Schweiz ein, um das eigene Überleben und das ihrer Familie zu sichern. Sie arbeitet in verschiedenen Privathaushalten und wohnt bei Verwandten.
Herr A. flüchtete vor vier Jahren aus Eritrea, hat hier um Asyl ersucht, wurde abgewiesen und ist trotzdem geblieben. Er lebt in einer Kollektivunterkunft und erhält die minimale Nothilfe. Ausgeschafft werden kann er nicht. Arbeiten darf er nicht.
Herr I. kommt aus Mazedonien und arbeitete in den 1990er-Jahren ganz offiziell mit einer Saisonnierbewilligung auf dem Bau. Nach Ablauf seiner Bewilligung blieb er in der Schweiz. Hier ist er zu Hause. Im Herkunftsland erwarten ihn Arbeitslosigkeit und Armut. Er wohnt in einer kleinen Wohnung zur Untermiete.

Sans-Papiers: keine homogene Gruppe

Die drei Beispiele zeigen: Sans-Papiers sind keine homogene Gruppe. Was sie verbindet, sind die fehlende Aufenthaltsbewilligung und die ständige Angst vor einer Wegweisung oder Ausschaffung. Sans-Papiers versuchen deshalb, so unauffällig wie möglich zu leben, immer alles richtig zu machen und den Kontakt mit Behörden zu vermeiden.
Da die meisten Sans-Papiers nirgends registriert sind, ist es schwierig, genaue Aussagen über die Anzahl zu machen. Eine Studie vom Staatssekretariat für Migration SEM aus dem Jahr 2015 schätzte ihre Anzahl auf zwischen 58 000 und 105 000.
Der Anteil erwerbstätiger Sans-Papiers wird in dieser Studie gesamtschweizerisch auf 86 Prozent geschätzt. Laut Fachpersonen arbeitet jeder zweite Sans-Papiers in einem Privathaushalt , grösstenteils Frauen. Die meisten anderen Sans-Papiers sind im Bau- und im Gastgewerbe sowie in der Landwirtschaft oder in der Sexarbeit tätig. Die hohe Erwerbsquote ist auch kein Wunder: Ohne Arbeit können Sans-Papiers hier kaum existieren, weil sie mit Ausnahme einiger abgewiesener Asylsuchender beim Staat keine Hilfe beantragen können.

Hürden und Härten

Das Leben als Sans-Papiers bringt zahlreiche Hürden und Härten mit sich. Sich im Spital behandeln lassen, ein Bankkonto eröffnen, die Kinder einschulen, ein Delikt anzeigen: Viele alltägliche und notwendige Handlungen sind mit dem ständigen Risiko einer Wegweisung verbunden oder gar unmöglich.
Informationen, Rat und Unterstützung finden Betroffene in der Region Bern bei der Beratungsstelle für Sans-Papiers. Dort können sie ihre Fragen stellen und für einen kurzen Moment aus ihrer Unsichtbarkeit auftauchen. Und manchmal findet sich sogar ein Weg, den Aufenthalt zu regeln oder zumindest das Leben als Sans-Papiers etwas zu erleichtern, sei dies mit dem Abschluss einer Krankenkasse oder mit der Einschulung der Kinder.

Die Beratungsstelle

Die Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers berät und informiert Menschen, die ohne eine Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz leben. Sie setzt sich für die Verbesserung der sozialen und rechtlichen Situation von Sans-Papiers ein. Die Nachfrage nach Beratung ist gross: Im letzten Jahr führte die Stelle fast 2500 Beratungsgespräche durch. Für diese Arbeit ist die Beratungsstelle auf Spenden angewiesen. Mehr Infos: www.sanspapiersbern.ch .