Neuerscheinung Revolte Rausch und Razzien

20. Dezember 2017
04/2017

«Die Fantasie an die Macht!»: Wie ein Fieber erfasste 1968 die Parole der Pariser Mai-­Unruhen die Jugend weltweit. Das Autorenteam des Porträtbuchs «Revolte, Rausch und Razzien» machte sich auf ­Spurensuche im Bernbiet.

Was haben die ehemaligen Nationalrätinnen und Nationalräte Therese Frösch, Barbara Gurtner, Rudolf Strahm und Peter Vollmer gemeinsam? Und was verbindet sie mit der Künstlerin Lilly Keller, dem Schauspieler Max Rüdlinger, dem Sagen- und Mythenforscher Pier Hänni und dem Stadtberner Apotheker Silvio Ballinari? Alle waren sie vor 50 Jahren jung, frech, aufmüpfig, einige träumten gar von der Revolution. Alle erlebten sie in den 1968er-Jahren ihre politische Erweckung – wie die andern Porträtierten im Buch «Revolte, Rausch und Razzien» auch.
Nächtelang diskutierte die 68er-Generation über eine gerechtere, eine solidarische Gesellschaft und demonstrierte lautstark gegen den Vietnamkrieg und für die sexuelle Befreiung. Das «Establishment» – an der Universität, in den Parteien, in den Main­stream-Medien – bangte kurz schon um seine Macht. Nein, die 68er haben die Gesellschaft nicht revolutioniert, aber etwas verändert haben sie sie schon. Zum Bessern, meint in «Revolte, Rausch und Razzien» Pier Hänni: «Wer über die 68er-Zeit lästert, weiss nicht, wie verklemmt, wie uniformiert, wie gleichgeschaltet das Leben vorher war.»

Neunzehn Zeitzeugen – neunzehn Emanzipationen

Wie blicken die heutigen Rentnerinnen und Rentner auf ihre Revolte zurück? Eine Gruppe von Berner Journalistinnen und Journalisten, selbst Alt-68er, wollte es aus Anlass des 50-Jahr-Jubiläums wissen – und porträtierte Zeitzeuginnen und Zeitzeugen der wilden Jahre. «Revolte, Rausch und Razzien» versammelt 19 persönliche, berührende, aufwühlende Lebensgeschichten – aufschlussreich auch für die Nachgeborenen. Wie lebte es sich vor 1968, als lange Männerhaare noch provozieren konnten – wie heute fast nur noch eine Burka? Woher kam die fast schon religiöse Überzeugung der 68er, alles anders, alles besser zu machen als die Väter und Mütter? Wie emanzipierten sich die Töchter und Söhne von bildungsbürgerlich, freisinnig, kirchlich oder kleinbürgerlich geprägten Elternhäusern? Wie outete man sich als Lesbe, damals, als die Polizei noch Homosexuellenregister führte? Und wie wurde aus einem Berner Hausbesetzer ein palästinensischer Revolutionär? Noch sind die Erinnerungen wach, die heftigen Auseinandersetzungen leben wieder auf. Die Vielfalt der Bewegung auch. Ein Schuss Nostalgie mischt sich da und dort ein – aber auch Selbstkritik. Und Kritik, etwa der Frauen am Machogehabe der 68er-Männer.

Ein Buch – drei Generationen

50 Jahre danach gehören die einen nun selbst zum Establishment, andere halten sich immer noch auf Distanz. Die arrivierte Sozialpolitikerin zieht nicht die gleichen Lehren aus der Revolte wie der am Marxismus festhaltende Alt-Revolutionär. Die Esoterikerin hat andere Erinnerungen an die Rebellion als die Feministin. Der militante Bauernführer hält nicht dasselbe 68er-Erbe hoch wie der überzeugte WG-Rentner.
1968 à la bernoise hat viele Facetten. «Revolte, Rausch und Razzien» fügt neue hinzu. Auch mit den Fotografien des 39-jährigen Alexander Jaquemet, der einen liebevollen, aber unverstellten Blick auf die Gesichtslandschaften der 68er-Pensionäre wirft. Und mit den traumleichten Illustrationen von Absolventinnen und Absolventen des Propädeutikums für Kunst und Design an der Schule für Gestaltung Bern. In der kecken Sicht der Zwanzigjährigen auf Kultgegenstände der 68er verwandelt sich da der bunt bemalte VW-Bus, Wunschmobil der Hippies, unverblümt in ein putziges Spielzeug­auto. Drei Generationen machen sich ihr Bild von 1968.

50 Jahre nach 1968

Das Buch

Samuel Geiser, Bernhard Giger, Rita Jost, Heidi Kronenberg (Hg.): «Revolte, Rausch und Razzien. Neunzehn 68er blicken zurück»
128 Seiten, bebildert, Fr. 29.–

Die Ausstellung

Mit «1968 Schweiz» geht auch das Bernische Historische Museum (BHM) in Zusammenarbeit mit den Autoren dem Thema nach – und fragt, was davon heute noch zu spüren ist. Anstelle eines Katalogs bietet das Museum «Revolte, Rausch und Razzien» als «Buch zur Ausstellung» an, die bis zum 17. Juni 2018 dauert. Weitere Informationen: www.bhm.ch