Hinkender Bot

Gibt es auf der ganzen Welt neben Stämpfli noch einen Verlag, unter dessen ­Objekten sich eines findet, das seit (mindestens) 300 Jahren alljährlich erscheint und für dessen Herausgabe er selber seit mehr als 200 Jahren sorgt?

Die Frage klingt unbescheiden, und ich habe sie auch nicht hinreichend abgeklärt – aber sie ist nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen. Im Archiv der Firma liegt ein Exemplar des «Hinkenden Boten» aus dem Jahre 1718, das in der «Oberen Truckerey» her­gestellt wurde, und in der Ausgabe 1815 ist als Herausgeberin erstmals die Witwe Stämpfli an der Postgasse 44 (heute 60) erwähnt. Obwohl es gut möglich ist, dass der Kalender noch ein paar Jahre älter ist, nimmt der Verlag das Heft aus dem Jahre 1718 zum Anlass, dessen 300-jähriges Bestehen zu feiern, was mit Folgendem zum Ausdruck kommt:

Festschrift

Der Verlag hat den Literaturwissenschaftler Norbert D. Wernicke beauftragt, eine Festschrift unter dem Titel «Die Brattig» zu verfassen, die im Oktober erscheint. Der Autor hat sich am Institut für populäre Kulturen der Universität Zürich eingehend mit den Schweizer Volkskalendern befasst. Das Buch enthält eine Fülle von Illustrationen aus der Geschichte des «Hinkenden Boten».

Ausstellung

Am 25. Oktober 2017 wird im Gewölbekeller der Universitätsbibliothek an der Münstergasse 61 eine Ausstellung zum Thema «Der hinkende Bot von Bern – 300 Jahre Kalendergeschichte» eröffnet, die bis zum 25. März 2018 besichtigt werden kann. Die Ausstellungsmacher beschreiben sie so: «Die Ausstellung zeigt den Volkskalender als Informationsmedium, das sich breite Bevölkerungsschichten leisten konnten. Mit dem hinkenden Boten als namensgebender Figur stand der Kalender für nicht überhastete und verlässliche Information. Vermittelt werden etwa die Veränderungen des Kalenders durch neue technische Möglichkeiten, etwa jene vom Holzschnitt bis zu Fotoreproduktionen und Farbdrucken. Das sich ändernde gesellschaftliche und politische Umfeld zeigt sich nicht nur in neuen Inhalten oder der aufkommenden Werbung, sondern auch in der Entwicklung des Kalender-Titelblattes, das vor allem in den ersten 100 Jahren die Zeitgeschichte reflektiert. Neben vielen Reproduktionen sind auch einige der ältesten Ausgaben im Original zu bestaunen. Und auf einer Computerstation können die noch erhaltenen Exemplare des ‹Hinkenden Boten› angeschaut, gelesen, durchgeblättert werden.»

Vorträge

Im Rahmen dieser Ausstellung und der Vortragsserie «Buch am Mittag» spricht am 12. Dezember 2017 Norbert D. Wernicke über «Die News des Jahres – Volkskalender mit verlässlichen Informationen für alle» 
und am 13. Februar 2018 Christian Mürner zum Thema «Der hinkende Bote – Mediengeschichte und Behinderung», jeweils um 12.30 Uhr im Veranstaltungssaal der Bibliothek an der Münstergasse 63 in Bern.

Der «Hinkende Bot» auf e-periodica

Die Verantwortlichen der Universitätsbibliothek haben überdies die Aufschaltung ­sämtlicher vorhandener Kalender auf die ­Plattform www.e-periodica.ch der ETH-­Bibliothek Zürich veranlasst, wo sie bereits jetzt online frei zugänglich sind.

Die Nummer 301 des Kalenders für das Jahr 2018

Sie ist im August erschienen und verbessert die erst 1878 begonnene und von Anfang an unzulängliche Jahrgangzählung. Ob sie sich dadurch auch berichtigt, ist ungewiss, denn wie oben erwähnt, ist nicht ausgeschlossen, dass der Berner «Hinkende Bot» noch älter ist – aber dafür fehlen Belege. Namhafte Autoren blicken auf die Zeit seines Entstehens und auf seine Blüte zurück.