Grafische und andere Papiere

19. Juni 2019
02/2019

Auch wenn wir unseren Fokus hier vor allem auf die grafischen Papiere richten wollen, soll aufgrund der Entwicklungen trotzdem kurz über den Tellerrand der grafischen Branche hinausgeschaut werden.

Marktsituation Rohstoffe

Während die Nachfrage nach grafischen Papieren sinkt, steigt gleichzeitig die Nachfrage bei Verpackungskarton (Online-Handel) weltweit durchschnittlich um 1 Prozent pro Jahr. Der wachsende Wohlstand in Entwicklungs- und Schwellenländern führt zudem zu einer steigenden Nachfrage nach Toilettenpapier, Windeln, Taschentüchern, Binden usw. Rohstoffe für alle diese Produkte sind Zellstoff-, Holzschliff- und Recyclingfasern. Diese grosse Nachfrage nach Rohstoffen kann daher Preissteigerungen hervorrufen, die auch bei den grafischen Papieren ihre Wirkung entfalten. Der Rohstoffhandel ist ein internationales Geschäft und wird in US-Dollar abgewickelt. Für Papierhersteller in Europa, die ihre Geschäfte in Euro abwickeln, kann der Wechselkurs so zu einem weiteren Handicap werden. Die grosse Nachfrage nach Rohstoffen ermöglicht es den Herstellern, die Märkte zu beliefern, die den bestmöglichen Ertrag versprechen.

Bau neuer Zellstoffwerke  

Aufgrund der geschilderten Entwicklung ist von einer weiter steigenden Nachfrage nach Rohstoffen auszugehen. Darauf zu reagieren, ist ein langwieriges Projekt: Der Bau neuer Zellstoffwerke erfordert riesige Investitionen, benötigt Zeit, und der Rohstoff in Form von Wäldern muss vorhanden sein. Da ein solcher Bau in der Nähe des Rohstoffs zu stehen kommt, braucht es zudem enorme zusätzliche Investitionenfür die Erschliessung von Strassen und Hafenanlagen. Die letzten solchen Projekte wurden in Südamerika realisiert. Ein neues Zellstoffwerk in Südamerika ist für das Jahr 2022 geplant.

Marktsituation Papierhersteller

Seit Jahren sinkt hingegen die Nachfrage nach grafischen Papieren und bis 2016 auch der Papierpreis  – mit entsprechendem Margenzerfall. Darauf haben die international tätigen Papierhersteller reagiert: Sie haben die Produktion angepasst, indem sie Papiermaschinen stilllegten, ganze Fabriken schlossen oder vorhandene Maschinen umbauten. Es findet eine Verlagerung zu anderen Produkten wie Karton oder Trägerpapieren für Etiketten statt mit höherer Nachfrage, besseren Preisen und Margen. In den letzten acht Jahren wurden u.a. 2,2 Mio. Tonnen holzfrei und 2,8 Mio. Tonnen holzhaltig gestrichene grafische Papiere aus dem Markt genommen und entsprechend Arbeitsplätze in der Papierindustrie abgebaut. Dies führt immer mehr zu einem Oligopol bei den Papierherstellern. Kleine Fabriken, die den Zellstoff am Markt einkaufen müssen, verschwinden. Einzelne Grosskonzerne wie UPM, Sappi oder StoraEnso dominieren den Markt.

Marktsituation in der Schweiz

In der Schweiz erlebten wir in den letzten Jahren u.a. die Schliessung der Papierfabriken Biberist und Ziegler in Grellingen. Als einzige Papierfabrik für grafische Papiere in der Schweiz blieb Perlen Papier im Kanton Luzern übrig, die auf Zeitschriften- und Zeitungspapier spezialisiert ist. Erfolgen solche Schliessungen und Transfers zu schnell, kommt es zu Lieferengpässen bei einzelnen Produktgruppen, was lange Lieferfristen und Preiserhöhungen nach sich zieht. So etwa in den letzten beiden Jahren beim Zeitungspapier, wo Verlage aufgrund des Papiermangels teilweise höhere Papierpreise akzeptieren und Umfänge verringern mussten.

Höhere Papierpreise

Ein Mangel in einer Produktegruppe bewirkt vielfach auch Preiserhöhungen bei der nächsthöheren bzw. -tieferen Papiersorte, weil ein Up- oder Downgrading in andere Materialgruppen stattfindet. Neben den Faktoren Angebot und Nachfrage und den Rohstoff- und Energiepreisen beeinflussen der Währungskurs und die Transportkosten den Papierpreis ebenfalls. In einem weltweiten Markt ändern die europäischen Papierhersteller bei interessanten Wechselkursen ihre Lieferstrategien und leiten Mengen entsprechend in die für sie interessanteren Märkte wie Asien, USA oder Ozeanien. Wachstumsmärkte wie China sind dankbare Abnehmer.

Anpassungen in der Firmenlandschaft

Der Nachfragerückgang in der Schweiz und Europa wird wenn möglich auf anderen Kontinenten kompensiert. Hinsichtlich der Abnahmemengen ist die Schweiz für die europäischen Papierhersteller ein kleiner Markt, aufgrund der hohen Qualitätsansprüche aber ein wichtiger Indikator. In der Schweiz wird das Bogenpapier über die Papierhändler vertrieben. Aufgrund des Mengenrückgangs kam es in den letzten Jahren auch hier zu massiven Anpassungen. Im Jahr 2017 wurde Inapa Schweiz von Papyrus Schweiz übernommen. Papyrus teilt sich dieses Geschäft mit Antalis und Fischer Papier. Papyrus und Antalis sind Teile einer Gruppe mit Finanzgesellschaften als Eigentümern. Fischer Papier ist familiengeführt. Rollenpapiere werden direkt durch die Hersteller vertrieben und durch uns bei diesen geordert.

Nachhaltigkeit

Die Branche hat in den letzten Jahrzehnten enorme Anstrengungen im Bereich Nachhaltigkeit unternommen. Die Papierherstellung geschieht praktisch nur noch mit geschlossenen Wasserkreisläufen, und auf die Wärmerückgewinnung wird geachtet. Dafür stehen Labels wie PEFC, FSC, Blauer Engel, EU Ecolabel, Nordic Ecolabel (Nordic Swan). Recyclingfasern sind anerkannt und werden vielseitig eingesetzt. Einen interessanten Quervergleichzwischenelektronischer Kommunikation und Papier bietet der Papierhändler Antalis mittels eines Streams:

Ausblick

Aufgrund des Nachfragerückgangs steht die Branche weiterhin vor grossen Herausforderungen. Der Trend zu wenigen grossen Herstellern wird sich fortsetzen. Kleinere Hersteller werden sich immer mehr nur noch mit Nischenprodukten halten können. Grosse Hersteller wie UPM oder StoraEnso erschliessen sich neue Geschäftsfelder für den Rohstoff Holz wie die Biotreibstoffherstellung oder den Bausektor. Im Moment stehen drei Papierfabriken und ein Zellstoffwerk des Konzerns Arjo Wiggins still. In zwei dieser Fabriken wurden Recyclingpapiere hergestellt. Für eine allfällige Nachfolgeregelung ist wohl nur das Zellstoffwerk interessant. Es ist anzunehmen, dass der Druck mit höheren Recyclingpapierpreisen und längeren Lieferfristen steigen wird. Gleiche Effekte sind im Jahr 2020 mit dem geplanten Ausstieg von StoraEnso in Oulu (Finnland) aus der Herstellung von holzfrei gestrichenem Papier zu erwarten. Mit diesem Entscheid werden über 1 Mio. Tonnen, d.h. über 20 Prozent des europäischen Bedarfs, an holzfrei gestrichenem Papier aus dem Markt verschwinden. Noch 2019 werden durch die Hersteller Sappi und Burgo durch Abstellmassnahmen 600 000 Tonnen holzhaltig gestrichene Papiere aus dem Markt genommen.

Viele Einflussfaktoren bestimmen die Nachfrage

Die verschiedenen Parameter wie Nachfrageentwicklung in den verschiedenen Märkten (Kontinenten), Angebotsgrösse, Tempo der Marktbereinigungen durch die Anbieter, Rohstoffpreise, Wechselkurse, Energiepreise und Transportkosten werden in den nächsten Jahren die Entwicklung der Papierpreise weiterhin bestimmen. Die vielen Einflussfaktoren erschweren eine Prognose zur weiteren Preisentwicklung. Die Schweiz ist mit einem Anteil von knapp 2 Prozent am europäischen Marktvolumen nur ein Nischenplayer.