Fasziniert vom Spiel im Sport

19. Juni 2020
02/2020

Was treibt jemanden dazu an, in jeder freien Minute auf dem Eis zu stehen? Marco Müller schildert uns seine Leidenschaft und wie es dazu kam.

Meine Liebe zum Eishockey erwachte schon früh. Mit drei Jahren hatte ich das erste Mal die Gelegenheit, einen Fuss aufs Eis zu setzen. Mithilfe meines Vaters versuchte ich, mit Schlittschuhen die ersten Schritte auf dem Eis hinzukriegen. Dass das nicht auf Anhieb funktionierte, war klar. Die Leidenschaft zum Eishockey verringerte sich durch dieses erste Hindernis jedoch in keiner Weise. Von diesem Tag an stand ich so viel wie möglich auf dem Eis. Jede freie Minute in meiner Kindheit wollte ich Eishockey spielen. Wenn die Möglichkeit nicht bestand, ins Kleinholz nach Olten zu gehen, spielte ich Hockey vor der Haustür. Manchmal mit Freunden und den Inlineskates, manchmal alleine in der Einfahrt vor unserem Haus. Stundenlang konnte ich mich selbst beschäftigen, und meine Mutter musste sich nie Sorgen machen, dass ich irgendetwas Dummes anstellen würde.

Treuer Begleiter

So zog sich Eishockey durch mein Leben. Vieles hat sich in den 26 Jahren verändert. Die Liebe zum Hockey ist geblieben. Natürlich gab es nicht immer nur schöne Momente. Oft brachten mich die Umstände zur Verzweiflung. Ich hatte Trainer, mit denen ich mich nicht immer super verstand, oder wir hatten verschiedene Ansichten, es gab Ereignisse und Momente in meiner Karriere, in denen ich vieles hinterfragte, oder neue Interessen, die sich nicht immer mit dem Aufwand fürs Hockey kombinieren liessen.
Doch sobald ich meine Schlittschuhe anziehe und das Eis betrete, ist alles wie verschwunden. Jede Sorge, die mich durch den Alltag begleitet, kann ich auf dem Eis vergessen. Der Fokus richtet sich in diesen Momenten nur auf das Spielen. Denn es gibt so viele verschiedene Situationen, die man nicht erwartet. Entscheidungen, die in kürzester Zeit getroffen werden müssen. Immer wieder denkt man, dass man schon sehr viel erlebt hat. Doch mit jedem Spiel kommen neue Herausforderungen hinzu, denen man sich stellen muss.

Mit und ohne Puck

Da gibt es das Spiel ohne Scheibe. Das gehört meist nicht zu den Lieblingsmomenten eines Hockeyspielers, da die Mehrheit lieber mit dem Puck spielt. Aber es gehört dazu und ist ebenso wichtig. Denn eine alte Hockeyweisheit besagt: Meisterschaften werden in der Defensive entschieden. Solange du da einen guten Job machst, gibst du dem Team die Chance, das Spiel zu gewinnen. Kommt hinzu, dass jeder Trainer unterschiedliche Systeme spielen lässt. Da gibt es Systeme, die mir persönlich mehr zusagen, und Systeme, die ich weniger mag. Das ist von Spieler zu Spieler verschieden. Das liegt auch daran, dass jeder Spieler andere Stärken und andere Schwächen hat. Ein paar Coaches setzen eher auf physisch starke Spieler, und andere Trainer setzen auf Spieler, die technisch und läuferisch besser sind. Das liegt im Auge des Betrachters. Meiner Meinung nach braucht es einen Mix aus den verschiedenen Spielertypen, um eine perfekte Mannschaft zusammenzustellen.
Bei meinem bevorzugten Spiel gehört der Puck dazu. Ich bin ein Spieler, der es liebt, mit der schwarzen Scheibe neue, öffnende Spielsituationen zu kreieren. Den Moment, wenn man eine Überzahlsituation hat und sich entscheiden muss, ob man den Schuss selbst wagt oder es besser ist, den Pass zu spielen. Die richtige Lösung kennt man nie. Jedoch hat man sich wohl dann richtig entschieden, wenn ein Tor daraus resultiert. Ein Tor kann entstehen, wenn man den Pass zum Mann bringt und dieser den Schuss verwertet. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass die Scheibe nicht ankommt. Dann hat man am Ende keinen Torabschluss, und die Chance ist vorbei. Oder man kann sich dazu entscheiden, selbst zu schiessen. Die Garantie, dass man sich richtig entscheidet, hat man nie. So viele Überlegungen müssen gemacht werden und das alles in einem Bruchteil einer Sekunde. Ich denke, genau diese Augenblicke in einem Sport, in denen es ums Spielen geht, bereiten mir grosse Freude.

Emotion pur

Die Emotionen, die in einem Stadion aufkommen, wenn das Team ein erstes Mal das Eis betritt oder ein Team ein Tor erzielt, sind nur schwer zu beschreiben. Wenn man sich auf dem Eis bewegt und Tausende von Fans sieht, ist das eines der schönsten Gefühle, die man haben kann. Genau in diesen Momenten weiss man, wofür man jahrelang gearbeitet hat und die ganzen Teenagerjahre auf vieles verzichtet hat. Wenn ich mit dieser Leidenschaft einem anderen Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann, erwärmt das mein Herz zu 100 Prozent. Ich denke, weil diese Gefühle in einem Stadion so viele Menschen verbinden, ist es ein Gewinn für die Gesellschaft.
Chris Baltisberger beim ZSC Lions Portrait Shooting, am Mittwoch, 7. August 2019, in Zuerich. (KEYSTONE/Melanie Duchene)
© KEYSTONE / MELANIE DUCHENE

Zur Person

Marco Müller, 21.1.1994, ist Profi-Eishockeyspieler beim HC Ambri-Piotta. Seine bisherigen Vereine waren: EHC Biel, SC Bern, EHC Basel und EHC Visp. In seiner Karriere als Profi wurde er bereits zweimal Schweizer Meister und absolvierte neun Spiele mit der Schweizer Nationalmannschaft.