Die Welt der Düfte

13. Dezember 2019
04/2019

Einer unserer Sinne ist der Riechsinn, das Organ dazu tragen wir alle mitten im Gesicht. Um mehr darüber zu erfahren, habe ich mich mit Brigitte Witschi von «art of scent» in der Berner Altstadt unterhalten.

Frau Witschi, Sie schreiben, Sie seien schon als Kind fasziniert gewesen von Düften. Ist dies für Sie im Alltag Fluch oder Segen?

Beides. Einerseits sind Düfte zu meinem Leben geworden. Es ist für mich eine immerwährende Faszination, neue Düfte zu kreieren, dem Duft eines Bildes nachzuspüren, die Einzigartigkeit eines Duftes zu erleben. Andererseits ist eine gute Nase natürlich auch gelegentlich ein Fluch. Augen kann man schliessen, wenn man etwas nicht sehen will, die Ohren kann man sich zuhalten, aber atmen muss man. Das bedeutet, dass man die Düfte, seien sie auch noch so unangenehm, nicht ausschliessen kann. Ich meide deshalb soweit möglich den öffentlichen Verkehr, halte lieber etwas Distanz zur Umgebung. Ich selbst parfümiere mich im Alltag nie und achte darauf, dass meine Kosmetika unparfümiert sind. Auch in meinem Ladenlokal und Atelier achte ich auf Geruchsneutralität.

Es gibt Menschen, die scheinen praktisch geruchsunempfindlich, andere haben eine sehr feine Nase. Woher kommen diese Unterschiede?

Ich glaube, eine feine Nase ist vorerst mal eine Veranlagung. Die einen haben sie, andere nicht. Dann kommt hinzu, dass sich viele Leute gar nie mit Düften beschäftigen, es ist ganz einfach kein Thema für sie.

Kann man das Riechvermögen denn schulen?

Auf jeden Fall, auch wenn wie bei allem eine gewisse Grundbegabung von Vorteil ist. In meiner Ausbildung in Grasse zum Beispiel mussten wir einmal fünf verschiedene Lavendelsorten unterscheiden und deren Duft beschreiben. Das war eine extrem ruhige, fast meditative Beschäftigung. Überhaupt sollte man sich beim Riechen Zeit lassen. Zu viele Düfte zu schnell hintereinander überfordern die Nase, und Sie riechen überhaupt nichts mehr. Diese Erfahrung hat wohl fast jede/r schon einmal in einer Parfümerie gemacht.

Warum sind denn Düfte überhaupt wichtig für Menschen?

Historisch gesehen, waren Düfte überlebenswichtig: Sie haben den Weg zu Essbarem zeigen, vor Giftigem warnen können. Wirft man einen Blick ins Tierreich, wird zudem deutlich, dass die Fortpflanzung über den Duft gesteuert wird, und auch beim Menschen ist der individuelle Duft hormonabhängig. Die Wendung «jemanden nicht riechen können» kommt nicht von ungefähr. Die Wahl eines Partners wird unbewusst von dessen Duft mitgesteuert, was zur Optimierung der Gene beitragen soll.

Was ist denn für Sie das Faszinierende an Düften?

Düfte sind flüchtig, sie lassen sich nicht einsperren. Man kann sie nur schwer mit Worten beschreiben, ihre Wahrnehmung ist sehr individuell. Sie können zwiespältig sein, zum Teil auch abstossend.
Düfte sind aber ganz einfach etwas Einmaliges, und es ist faszinierend, sich intensiv mit ihnen zu beschäftigen. Deshalb habe ich mein eigenes Label geschaffen und meine Bergdüfte und meine Berner Düfte herausgegeben.
Daneben führe ich auch Workshops durch, in denen die Teilnehmer mit meiner Unterstützung ihren individuellen Duft kreieren können. Damit erschaffen sie sich ein Parfüm, das niemand sonst hat – genauso individuell, wie sie als Mensch sind.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen neuen Duft kreieren? Mischen Sie da einfach Düfte, bis Ihnen etwas gefällt?

Nein. Ich mache mir zuerst ein Bild von dem, was ich mit dem Duft darstellen möchte. Und dann versuche ich zu ergründen, welche Duftkomponenten in diesem Bild enthalten sind. Welcher Duft drückt beispielsweise das Flauschige des Bärenpelzes aus? Welcher den feuchten Waldboden? Mit diesen Komponenten wird dann natürlich gepröbelt. Ein ganz klein wenig mehr vom einen und weniger vom anderen Duft kann den Charakter des Resultats schon völlig verändern. Das ist ein längerer, intensiver, aber faszinierender Prozess. Momentan bin ich daran, den dritten der Berner Düfte zu entwickeln, nach «Aarewasser» und «Finn» soll nun noch der «Rosengarten» entstehen.
Frau Witschi, ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und eine gute Nase für weitere Duftkreationen!
Lesen Sie mehr zur Geschichte des Parfüms unter Kurze Geschichte des Parfüms

Brigitte Witschi

Schon als Kind Mitarbeit bei einer Parfümeurin.
Später Arbeit mit blinden und mehrfach behinderten Kindern, u.a. mit Aromatherapie. Schulungen in Grasse, dem Mekka der Parfümeure, und bei einer privaten Parfümlehrerin. Eigenes Label «art of scent – Swiss perfumers» sowie Laden und Atelier in der Berner Altstadt. Eigene Duftreihen Bergdüfte und Berner Düfte, Vorträge und Workshops. artofscent.ch
Brigitte Witschi in ihrem Atelier-Laden

Workshop

In kleinen Gruppen werden die Teilnehmenden in die Geschichte des Parfüms eingeführt und tauchen in die Welt der Düfte ein. Aus wunderbaren Duftmischungen können sie anschliessend unter fachkundiger Anleitung ihre eigene Lieblingskomposition kreieren. Diese Rezeptur wird aufgeschrieben, sodass sie «ihren» Duft auch später wiederherstellen lassen können, wenn das Fläschchen leer ist. Sie erhalten so ein absolut einzigartiges Parfüm, das sonst niemand trägt.