Dem Kind ein Vorbild sein

20. September 2018
03/2018
  • Fokus

Bevor ich Mutter wurde, war ich, wie wir alle, für viele Dinge des Alltags – sei es bei der Arbeit oder privat – verantwortlich, und in erster Linie war ich es für mich selbst. Nun trage ich auch Verantwortung für jemand anderes: für meine Tochter.

Als ich schwanger war, war mir durchaus bewusst, dass ich bald eine grosse Verantwortung tragen würde. Ein Baby ist völlig hilflos und komplett auf seine Eltern und Betreuungspersonen angewiesen. Auch später, wenn das Kind grösser wird, liegt viel Verantwortung bei den Eltern, denn sie sollen sein Vorbild sein und ihm Halt geben. Das Kind soll sich zu Hause wohlfühlen und sich auf seine Eltern verlassen können. All dessen war ich mir selbstverständlich bereits während der Schwangerschaft bewusst, daher hatte ich grossen Respekt vor alldem, was auf uns zukommen würde. Und dann war es plötzlich da, dieses kleine Baby, das mich rund um die Uhr brauchte. Ich musste erst lernen, mit dieser neuen Situation umzugehen.
Nun, rund eineinhalb Jahre nach der Geburt, stelle ich fest, dass mir das Thema «Verantwortung» auch in Bereichen begegnet, wo ich es vorher nicht erwartet hätte. Während ich vorher auch gerne mal Bioprodukte einkaufte, kommen diese nun, da unsere Tochter mit uns isst, noch häufiger auf den Tisch. Schliesslich soll sie möglichst gesund gross werden. Und plötzlich achte ich beim Kauf von Putzmitteln darauf, dass sie gewässerschonend sind. Schliesslich will ich, dass meine Tochter auch später noch sauberes Wasser zur Verfügung hat. Zudem muss ich feststellen, dass mir Nachrichten über die Auswirkungen des Klimawandels, Naturkatastrophen und die unzähligen Krisenherde und Kriege als Mutter nähergehen als vorher. In was für einer Welt wird meine Tochter später mal leben müssen.
Wenn ich von Verantwortung rede, dann meine ich aber nicht nur die «grossen» Themen wie den Klimawandel oder langfristige Aufgaben wie die Erziehung. Es sind auch kleine, alltägliche Dinge, mit denen ich mich ständig auseinandersetze. Hat meine Tochter genügend Kleider in der richtigen Grösse? Besonders in den ersten drei Monaten, als sie sehr schnell wuchs, war dies ein Dauerthema. Wenn wir wegfahren, frage ich mich, ob ich alles eingepackt habe (die kleinste Person im Haushalt braucht am meisten Gepäck!). Der Aufwand, mit einem Baby oder Kleinkind wegzufahren, erschien mir lange Zeit unverhältnismässig hoch. Mittlerweile, mit etwas Übung, wage ich es eher, länger aus dem Haus zu gehen. Weiter frage ich mich immer wieder, ob meine Tochter genügend trinkt und sich ausgewogen genug ernährt, ob sie generell gesund ist, ob wir ihr ein «gutes Zuhause» bieten. Das sind nur einige Beispiele, für die ich mich verantwortlich fühle.
Ich muss zugeben, dass diese andauernde Verantwortung manchmal belastend sein kann, weil sie eben immer irgendwo präsent ist. Ich musste lernen, loszulassen, wenn mein Mann auf unsere Tochter aufpasst oder wenn sie bei meinen Eltern ist. Daran arbeite ich manchmal heute noch. Wenn sie nicht bei mir ist, frage ich mich (zu) oft, wie es ihr geht, ob sie glücklich oder müde ist und quengelt, ob sie gut isst, ob sie gut schläft usw.; es ist wichtig, zu wissen, dass ich manchmal für eine bestimmte Zeit auch Verantwortung abgeben kann und dass es mir guttut, davon Gebrauch zu machen.
Seit ich selbst Mutter bin, ziehe ich erst recht den Hut vor allen Alleinerziehenden. Ich bin sehr froh, dass mein Mann auch ein stolzer Vater ist und gerne auf unsere Tochter aufpasst. Ich bin enorm dankbar, einen Partner zu haben, der am gleichen Strang zieht. So scheint es mir doch nicht unmöglich, diese enorme Verantwortung für unser Kind angemessen wahrzunehmen.

Zur Person

Ines Kämpf absolvierte an der ZHAW in Winterthur den Studiengang «Mehrsprachige Kommunikation/Übersetzen» und arbeitete anschliessend in einer Übersetzungsagentur, bevor sie im Jahr 2015 zur Stämpfli AG wechselte. Sie war und ist für den Bereich MedTech Services tätig; seit ihrem Mutterschaftsurlaub nimmt sie jedoch hauptsächlich Aufgaben des Korrektorats wahr. Sie lebt mit ihrer Familie in Steffisburg bei Thun und verbringt ihre Freizeit gerne draussen in der Natur.
  • Ines Kämpf

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