Das Freispiel: wie Kinder die Welt entdecken

19. Juni 2020
02/2020

Wer frei und spontan spielt, der lernt. Das Freispiel ist für die kindliche Entwicklung von zentraler Bedeutung. In den leolea-Kinderorten werden bewusst Spiel- und Lernumgebungen geschaffen, die Freispiel und Fantasie der Kinder fördern.

Spielen ist die Lebens- und Lernform der Kinder, ein elementares Bedürfnis und die Grundform des kindlichen Lernens. Sie lernen in ihrem eigenen Tempo, ihrem Wissensstand entsprechend und stets von ihren Bedürfnissen und Interessen geleitet. Spielen und Lernen sind im Säuglings- und Kleinkindalter untrennbar miteinander verbunden. Im Spiel erwirbt und verarbeitet das Kind sein Wissen von der Welt, entwickelt Fähigkeiten, lernt Probleme zu lösen, gestaltet soziale Beziehungen und erfindet eigene Fantasiewelten. Es entdeckt Neues, experimentiert und übt seine Fertigkeiten in verschiedenen Bereichen. Kinder müssen zum Spielen nicht motiviert werden, sie tun es aus eigenem Antrieb. Fragend, handelnd, forschend, nachahmend, diskutierend, manchmal streitend meistern sie den Alltag, entwickeln sich weiter und finden Antworten auf ihre Fragen.
Für die kindliche Entwicklung ist das Spiel enorm wichtig. Dies belegen viele Studien. Das Spiel in der Vorschulzeit wirkt sich auch positiv auf den späteren Schulerfolg aus. Am meisten profitiert das Kind von einem variantenreichen, anspruchsvollen Spiel, das es selbstständig auswählt. Die erwachsenen Begleitpersonen unterstützen es am besten mit einer Spiel- und Lernumgebung, die seinen Interessen entspricht. In einem professionellen Kontext wie den leolea-Kinderorten kann das Freispiel dafür genutzt werden, das Kind zu beobachten, seinen nächsten Entwicklungsschritt zu erkennen und seine Interessen kennenzulernen. Unsere pädagogischen Fachpersonen nehmen dabei wahr, wie viel Nähe oder Distanz, wie viel Unterstützung oder Begleitung jedes Kind braucht.
«Das Spiel ist die höchste Form der Forschung.»
— Albert Einstein (1879–1955)
Spielformen verändern sich mit den Jahren, entwickeln sich und lösen sich ab. Grundsätzlich nehmen sie, je älter ein Kind wird, an Komplexität zu. Gerade Spiele mit anderen Kindern brauchen zusätzliche Fähigkeiten wie Sprache, Regelverständnis, Frustrationstoleranz oder grob- und feinmotorisches Geschick. Fünf Spielformen werden unterschieden: Das Funktionsspiel (sensomotorisches Spiel) ist die früheste Form des Spiels und bildet die Basis für alle weiteren Formen. Beginnend mit dem Erkennen, dass Arme, Beine und Kopf bewegt werden können und dass Geräusche beim Gegenüber etwas auslösen, werden bereits einige Monate nach der Geburt aus eigenem Antrieb erste Gegenstände angefasst und die Umwelt schrittweise erkundet. Beim Bau- und Konstruktionsspiel werden die Gegenstände nicht mehr nur angefasst, sondern als Gegenstand erkannt. Bauklötze werden an- oder aufeinandergereiht. Das Rollenspiel wird in jedem Alter beobachtet und ist sehr vielfältig. Mal wird eine Situation nachgespielt, mal handelt es sich um ein reines Fantasiespiel. Es wird alleine gespielt, zu zweit oder in Gruppen. Das Kind verarbeitet damit seinen Alltag, seine Gefühle und Erfahrungen. Das Regelspiel erfordert bereits ein gewisses Verständnis für Regeln und die Bereitschaft, diese auch einzuhalten. Es verfolgt ein fest definiertes Ziel, für alle gelten die gleichen Regeln, und der Ablauf ist vordefiniert. Das Spiel endet mit Gewinnern und Verlierern. Bei den Bewegungsspielen schliesslich steht der motorische Bereich im Mittelpunkt.
Egal, in welchem Alter und mit welcher Spielform: Freispielzeit ist immer auch Lernzeit. Sie ermöglicht den Kindern, eine Balance zu finden zwischen Selbstbehauptung, Konkurrenzverhalten, Teilnahme, Rücksichtnahme und Kooperation. Das freie und spontane Spiel ist die Königsdisziplin des Lernens.
«Wenn man genügend spielt, solange man klein ist, trägt man Schätze mit sich herum, aus denen man später sein ganzes Leben lang schöpfen kann.»
— Astrid Lindgren (1907–2002)
Hinz Photography
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