Andere Länder, andere Hemmungen

20. März 2020
01/2020

In Thailand gilt zum Teil ein sehr spezieller Verhaltenskodex, und daraus resultieren auch tief verankerte, uns fremde Hemmungen. Nach zehn Jahren Thailand habe ich mich an vieles gewöhnt, einiges wohl teilweise übernommen.

Küsse in der Öffentlichkeit

Thailänderinnen und Thailänder tauschen in der Öffentlichkeit keine Zärtlichkeiten, etwa Umarmungen oder Küsschen, aus. Dies gilt auch bei verheirateten Paaren.

Berührungen am Kopf

Den Kopf eines anderen in der Öffentlichkeit zu berühren, ist ein Tabu. Eine Ausnahme bilden Kinder und sehr enge Vertraute. Bei den Thais gilt der Kopf als höchster Teil des Körpers und gleichzeitig als Zuhause für die Seele.

Füsse auf dem Tisch

Die Füsse hingegen gelten als unreinster Teil des Körpers. Deshalb werden Füsse niemals auf den Tisch gelegt oder im Bus auf der Lehne des Vordersitzes ausgestreckt. Man vermeidet es auch, über Essen oder Personen hinwegzusteigen.

Nein sagen

Man erteilt dem Gegenüber keine Absage, sondern verschiebt die Zusage auf morgen. Man scheut sich davor, ein direktes Nein zu kommunizieren. Das kann in der Folge bedeuten, dass jemand zu einer Einladung einfach nicht erscheint. Sie abzulehnen, wäre zu direkt gewesen. 

Nach dem Weg fragen

Der Fragende wird in jedem Fall eine Antwort erhalten, unabhängig davon, ob der Gefragte tatsächlich über Ortskenntnisse verfügt oder nicht. Hauptsache, man kann sein Gesicht wahren und dem Fragenden weiterhelfen.

Lächeln

Das in Thailand allgegenwärtige Lächeln ist ein Schutz gegenüber Fremden, um nicht die echten Gefühle oder Hemmungen preisgeben zu müssen. Mit einem Lächeln werden elegant peinliche Situationen übergangen, und das Gegenüber kann selbst in solchen Fällen sein Gesicht wahren.

Das Gesicht wahren

Es ist in Thailand unheimlich wichtig, sein Gesicht zu wahren und andere ihr Gesicht wahren zu lassen. Kombiniert mit dem tief sitzenden Respekt vor Ranghöheren und gesellschaftlich besser Gestellten bietet dies allerbesten Nährboden für ein weitverbreitetes Übel, das genau aus diesem Grund nicht beim Namen genannt sein soll.
Folgende Szene habe ich kürzlich am Grenzübergang von Thailand nach Kambodscha erlebt: Triumphierend verkündet mir die Grenzbeamtin, dass in meinem Fall eine Bearbeitungsgebühr zu bezahlen sei. Auf meinen Einwand, dass ich diesen Grenzposten regelmässig überqueren würde und noch nie eine solche Gebühr hätte entrichten müssen, holt die Grenzbeamtin einen in einem durchsichtigen Plastiksack eingewickelten Block voller Handquittungen aus der Schublade. Es handle sich hier um eine offizielle Gebühr und nicht um Korruption, betont sie, den Plastiksack hin- und herschwenkend. Ein weiterer, mir bekannter Beamter tritt hinzu und bestätigt leise, aber bestimmt, dass dieser Betrag heute zahlungspflichtig sei. Nachdem ich die «Gebühr» mit einem erzwungenen Lächeln entrichtet habe, verschwindet der Block mit den Handquittungen plötzlich wieder unauffällig und ungenutzt in der Schublade.

Nachtrag

Mir fällt auf, dass ich inzwischen bei vielem ähnlich empfinde wie die Thailänder. Wie geht es euch da gefühlsmässig? Ich freue mich auf Feedback; eure Einschätzung interessiert mich, um zu erfahren, wie «verrückt» ich nach zehn Jahren Thailand geworden bin. christian.mueller@staempfli.com